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Börsenexperte und Autor Dirk Müller warnt: Die Krise ist noch nicht vorbei. Foto: Frank Rumpenhorst

Börsenexperte und Autor Dirk Müller warnt: Die Krise ist noch nicht vorbei

"Wir haben Euch viel zu verdanken"

04.11.2010 Ι Für die wirtschaftliche Entwicklung sei es wichtig, dass die Löhne nicht hinter der Export- und Produktivitätssteigerung zurückbleiben, ist Dirk Müller überzeugt. Dafür müssten Gewerkschaften kämpfen, so der Börsenexperte und Buchautor. "Und dafür eintreten, dass wir uns nicht durch Leiharbeit und Billigjobs alles aus der Hand nehmen lassen".
Herr Müller, wenn Sie Finanzminister wären, was würden Sie anders machen?
Offen gestanden: der Karren ist so tief im Dreck, da bin ich froh, dass das nicht mein Job ist. Ich würde jedenfalls die Geldschöpfung zurück in die Hand des Staates legen und Spekulationen auf Pump einschränken.
Mittelständische Unternehmen brauchen dringend Kaptial, um jetzt in Produkte oder Ideen zu investieren und damit Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen. Die Politik muss dafür entsprechende Bedingungen schaffen.

Warum schafft es die Politik nicht, den Karren aus dem Dreck zu ziehen?
Geld ist Macht. Die Banken können sich gute Leute direkt von der Uni holen oder aus Ministerien wegkaufen, besonders wenn sie ihnen gefährlich werden. Die Politik verfügt nicht über diese Möglichkeiten. Am Ende spielt im Finanzbereich Champions League gegen dritte Liga.Wie soll die Politik da was bewirken können?

Ist die Krise vorbei?
Überhaupt nicht.Wir haben durch die Konjunkturpakete Zeit gewonnen, mehr nicht. Die Staatsfinanzen sind an der Belastungsgrenze. Ein Großteil des Geldes ist bei den Banken geblieben, der Rest sorgt in der Realwirtschaft für den Aufschwung.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?
Die nächste Krise wird kommen, sei es in fünf oder sieben Jahren. Doch dann wird der Staat nicht mehr das machen können, was richtig wäre: Konjunktur stützen, investieren oder Kurzarbeit zu finanzieren.
Durch die Schuldenbremse ist der Staat zum Sparen verpflichtet. Sparen in der Krise ist aber schädlich. Es kann mir keiner erzählen, dass Konjunkturpakete positive Auswirkungen haben, aber Sparpakete keine negativen Folgen. Um die Schulden wirklich in den Griff zu kriegen, müssten eines Tages die Konditionen von Staatsanleihen neu festgelegt werden: längereLaufzeiten und einen Zinssatz, der nur Inflationsverluste ausgleicht. Dann wächst der Schuldenberg nicht mehr weiter und der Staat könnte jährlich bis zu 75 Milliarden Euro Zinsen sparen. Vor kurzem hat Peer Steinbrück übrigens genau das für Griechenland vorgeschlagen.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Globalisierung?
Globalisierung ist für die Masse der Menschen eine einzige Katastrophe. Gewinner der Globalisierung sind multinationale Konzerne und die Finanzwelt.
Wir haben uns die soziale Marktwirtschaft hart erkämpft. Wir haben Umweltschutz und Sozialgesetzgebung. Das kostet Geld.
Es kann doch nicht sein, dass wir alle am gleichen Spielbrett spielen, aber nach völlig unterschiedlichen Regeln - die einen landen auf dem Kinderarbeits-Feld und dann im Gefängnis, die anderen bekommen noch 4000 Euro, das geht nicht lange gut.
Daher fordere ich eine Freihandelszone, in die nur Länder reinkommen, die die Regeln der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einhalten. Die anderen zahlen fünf Prozent Zuschlag für Umweltverschmutzung oder zehn Prozent für Kinderarbeit. Die Produkte sind dann zwar teurer, aber es würde sich wieder lohnen, zum Beispiel in Dresden Waschmaschinen zu bauen. Das würde die Jobs wieder nach Deutschland holen und den Menschen ermöglichen, von ihrer Arbeit zu leben, ohne zusätzliches Hartz IV.

In Ihrem Buch behaupten Sie, dass Wirtschaftsdaten geschönt sind. Wem nützt das?
Die Zahl der Arbeitslosen ist in Wirklichkeit viel höher als offiziell angegeben. Da werden die Leute rausgerechnet, die Ein-Euro-Jobs machen müssen, die von privaten Agenturen betreut werden, die krank sind und so weiter. Die tatsächliche Zahl ist meiner Meinung nach mindestens doppelt so hoch.
Auch die Inflationsberechnungen sind geschönt. Die Statistik berücksichtigt nur den Preis des Warenkorbs, dessen Zusammensetzung willkürlich ist. Legt man das Geldmengenwachstum zu Grunde, so kam2007 ein Wert von acht bis neun Prozent heraus.
Die geschönten Zahlen nutzen zunächst einmal der Politik, sie kann das wahre Ausmaß der sozialen Probleme unter den Teppich kehren. Und die Finanzwelt profitiert von den vermeintlich niedrigen Inflationszahlen. Bei zwei Prozent Inflation klingen vier Prozent Zinsen aufs Guthaben doch viel besser als bei acht bis neun Prozent Inflation.

Die IG Metall fordert einen Kurswechsel in der Finanzpolitik. Was halten Sie davon?
Ich bin auf jeden Fall für die Finanztransaktionssteuer. Wir diskutieren im Moment, ob wir den reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Lebensmittel abschaffen und auf alles 19 Prozent erheben. Gleichzeitig sind Finanzgeschäfte völlig steuerfrei und folgen einer völlig irrationalen Börsenpsychologie. Eine Steuer könnte hier die Geschwindigkeit aus dem ganzen Börsengeschäft herausnehmen. Allerdings funktioniert das nur auf europäischer oder internationaler Ebene.
Finanzmarktgeschäfte müssen über die Börse abgewickelt werden, und zwar zwingend. Ratingagenturen müssen unabhängig sein. Es kann doch nicht sein,d ass die Ratingagenturen von den Firmen bezahlt werden, die sie eigentlich bewerten sollen. Die EU braucht eine eigene, völlig unabhängige Ratingagentur.

Wie sehen Sie als Börsianer die Rolle der Gewerkschaften?
Wir haben den Gewerkschaften wahnsinnig viel zu verdanken. Ohne sie wären wir heute noch im Manchester-Kapitalismus. Durch ihren Kampf und Einsatz ist unser System zum besten geworden, was wir je hatten. Für die wirtschaftliche Entwicklung ist es wichtig, dass die Löhne nicht hinter der Export- und Produktivitätssteigerung zurückbleiben. Dafür müssen Gewerkschaften kämpfen. Und dafür eintreten, dass wir uns nicht durch Leiharbeit und Billigjobs alles aus der Hand nehmen lassen.

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Dirk Müller. Foto: Frank Rumpenhorst
Dirk Müller

legt offen, was Finanzwelt und Politik lieber verschleiern. Sein Gesicht und die DAX-Kurve der Frankfurter Börse gehörten über zehn Jahre fest zusammen. Das brachte ihm den Spitznamen "Mister Dax" ein.

In seinem Buch "C(R)ASHKURS" beschäftigt sich Müller mit der Lage an den Finanzmärkten, in der Politik und in der Wirtschaft und welche Entwicklungen möglich sind.

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