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Bertin Eichler über gerechte Bidlungschancen. Foto: IG Metall

Bildungspolitik: Interview mit Vorstandsmitglied Bertin Eichler

Bildung ist mehr als nur Wissenserwerb

25.08.2009 Ι Die IG Metall-Umfrage hat ergeben, dass es für 69,6 Prozent der Befragten sehr wichtig ist, gerechte Bildungschancen zu bekommen. Wie realistisch ist die Forderung nach gerechten Bildungschancen? Wir haben mit Bertin Eichler, Vorstandsmitglied und Experte für Bildung in der IG Metall, darüber gesprochen.

Die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes verbinden die Menschen offensichtlich unmittelbar mit guter Bildung. Wie hängen gute Bildung und persönliche Chancen auf dem Arbeitsmarkt zusammen?
Das hängt unmittelbar zusammen. Je qualifizierter die schulische und berufliche Ausbildung, umso besser die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Weniger gut ausgebildete Menschen haben heutzutage große Schwierigkeiten, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden.
Von Beschäftigten wird heute erwartet, dass sie sich lebenslang weiterbilden! Auch das erhöht zweifellos die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Aber das Ganze darf auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir eine aktuell gut ausgebildete junge Generation haben, die sich trotz guter Bildung in prekären Beschäftigungsverhältnissen befindet. So einfach ist das dann eben doch nicht!

Bildung ist ja nicht nur Ausbildung. Was gehört alles dazu, damit wir von gerecht verteilten Bildungschancen sprechen können?
Das  ist eine für uns zentrale Frage. Aber bevor man sich über die Verteilung von Bildungschancen unterhält, muss man sich klar machen, was man unter Bildung versteht. Nach unserem Verständnis ist der Bildungsbegriff ein umfassenderer als die Vorstellung von einem bloßen Wissenserwerb. Bildung meint die Entwicklung und kulturelle Bereicherung jedes Einzelnen, und zwar nicht nur zum Selbstzweck, sondern zur Gestaltung einer humanen Gesellschaft mit einem kritischen Verhältnis zur Herrschaft und den Kapitalinteressen. Es geht also um mehr als nur verwertbares Wissen.
In diesen Kontext müssen auch alle Institutionen einbezogen werden, in denen Bildungsprozesse stattfinden. Das sind Kindergärten, Schulen, Hochschulen und viele Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Bildungschancen sind letztendlich dann gut verteilt, wenn Kinder aus bildungsfernen Familien trotzdem ihr Abitur machen und studieren können. Das ist leider nicht der Fall, im Gegenteil, der Anteil der Kinder aus bildungsfernen Familien, die ein Studium aufnehmen, ist in den letzten Jahren dramatisch gesunken.
Die Eliten hingegen reproduzieren sich selbst und sind für Außenstehende kaum zugänglich. Ich denke da etwa an die vielen privaten Schulen und Hochschulen, die sich nur Familien mit entsprechenden Einkommen leisten können!

69,9 Prozent der Menschen gaben Bildung als sehr wichtig bei der Frage nach einem Guten Leben an. Welche Erfahrungen hat die IG Metall hier gemacht? Wie hat sich die Bildungspolitik in den letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland verändert?
Dass so viele sich dazu äußern, wundert mich nicht, wenn man bedenkt wie aussichtslos die Zukunft im Hinblick auf Beschäftigung für schlecht ausgebildete Menschen ist. Die IG Metall hat in der bildungspolitischen Debatte, sowie auch andere Gewerkschaften, mal eine wichtigere Rolle gespielt als heute. Das sollten wir ändern, zumal wir einiges anzubieten haben, nicht nur beim Thema berufliche Erstausbildung. Auf den Punkt gebracht, hat sich die Bildungspolitik in den letzten beiden Jahrzehnten dahingehend verändert, dass sie immer mehr auf den kommerziellen Nutzen ausgerichtet, sprich zur "Ware" wurde. Und die Ergebnisse der PISA-Studie, bei aller angebrachten Kritik an der Studie, sind für Deutschland nicht besonders gut, aber die grundlegenden Probleme müssten auch endlich aktiv gelöst werden.

Was tut die IG Metall, um hier Verbesserungen zu erreichen und was versteht man unter gewerkschaftlicher Bildungsarbeit?
Auch hier besteht ein enger Zusammenhang zwischen unserer Arbeit auf der politischen Ebene in Bezug auf die Bildungsgerechtigkeit und unserer gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Die IG Metall hat schon immer viel in ihre eigene Bildungsarbeit investiert und wir sind stolz auf unser Bildungsangebot und auf unsere eigenen Schulen.
Wir bieten gesellschaftspolitische, historische Seminare und unseren Interessensvertretern eine Vielzahl von Fachseminaren an, um ihre Aufgaben im Betrieb für die Interessen der Beschäftigten kompetent wahrzunehmen. Der Erwerb von methodisch sozialen Kompetenzen in Verbindung mit  politischer und fachlicher Bildung ist ein Markenzeichen der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit.
Bei uns haben viele Kolleginnen und Kollegen mit negativen Schulerfahrungen eine ganz andere Form des miteinander Denkens und Lernens erlebt und sind begeistert! Natürlich geht es auch um die IG Metall in den Seminaren, um die gemeinsamen Schwerpunkte und Aktivitäten.

Wenn die IG Metall drei Vorschläge zur Verbesserung der Bildungspolitik hätte, welche wären das dann?
Erstens: Es muss viel mehr Geld in Schulen und Universitäten investiert werden. Man hört zwar viele Sonntagsreden von der Politik, aber keine konkreten Vorschläge! Dazu gehört für mich auch die Abschaffung der Studiengebühren.
Zweitens: Ich weiß nicht wie viele Pisa-Studien wir noch brauchen, aber es ist definitiv erwiesen, dass sich im internationalen Vergleich das dreigliedrige Schulsystem überholt hat! Wir brauchen eine gemeinsame Schule für alle, zumindest mal bis zur 10. Klasse! Und wenn wir in diesem Zusammenhang auch mit den erfolgreichen Bildungssystemen mithalten wollen, so sollte auch das Modell der Ganztagsschule flächendeckend eingeführt werden.
Drittens: Es wird zunehmend die Entpolitisierung bzw. mangelndes Wissen über bestehende politische Systeme bei jungen Erwachsenen konstatiert! Man spricht von einer Gefahr für die Demokratie. Das ist doch offensichtlich ein Bildungsproblem, dem man offensiv mit Bildungsangeboten begegnen muss!

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Bertin Eichler

Bertin Eichler, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, ist Experte für Bildungspolitik.

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