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© Konzernbetriebsrat thyssenkrupp

Betriebsrätepreis 2016: Internationales Rahmenabkommen bei thyssenkrupp

"Wer den Profit über Arbeitnehmerrechte setzt, zerstört damit seine internationale Wettbewerbsfähigkeit"

11.11.2016 Ι Thyssenkrupp hat mit seinem Internationalen Rahmenabkommen und einem Meldesystem zur Mitbestimmung den Deutschen Betriebsrätepreis in Silber gewonnen. Wir haben mit Konzernbetriebsratsvorsitzenden Willi Segerath darüber gesprochen.

Weltweit Geschäfte zu machen, ist in der globalisierten Welt einfach geworden. Warum ist es aber gleichzeitig so schwer, die Rechte der Beschäftigten weltweit zu schützen?
Willi Segerath:
Unser Wirtschaftssystem legt nahe, das Hauptaugenmerk auf den Profit zu richten. So werden ganze Unternehmensbereiche in Länder ausgelagert, in denen Arbeit und Produktion billiger sind. Dass damit aber meist auch prekäre Arbeitsbedingungen einhergehen, wird dabei häufig übersehen. Als Betriebsrat ist es unsere Aufgabe, das immer auf dem Schirm zu haben und entsprechend zu handeln.

Gehandelt habt Ihr bei thyssenkrupp, indem ihr ein Internationales Rahmenabkommen vereinbart habt. Worum geht es darin?
Wir wollen damit soziale Standards und grundlegende Arbeitnehmerrechte für alle Beschäftigten von thyssenkrupp sichern - egal, wo sie arbeiten. 'Andere Länder, andere Sitten' darf kein Sprichwort sein, dass auch auf die Rechte von Beschäftigten eines Unternehmens zutrifft. Diesen Zustand wollten wir als Konzernbetriebsrat nicht länger hinnehmen.

Was regelt das Abkommen genau?
Thyssenkrupp verpflichtet sich, an allen Standorten weltweit die Prinzipien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und die OECD-Guidelines zu beachten. So müssen die Arbeitsbedingungen menschenwürdig sein und dürfen nicht die Gesundheit oder die Sicherheit der Beschäftigten gefährden. Außerdem zählen dazu ein Diskriminierungsverbot, das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, sowie die Tarif- und Vereinigungsfreiheit. Aber auch der Anspruch auf angemessene Vergütung oder die Einhaltung der im jeweiligen Land festgelegten Maximalarbeitszeiten gehören dazu.

Solch eine Vereinbarung ist an sich ja zunächst nichts Besonderes - viele Unternehmen schreiben sich selbst Regeln fest. Was macht Eure einzigartig?
Uns als Konzernbetriebsrat ging es darum, dass dieses Abkommen nicht nur ein Schriftstück bleibt, sondern im Unternehmen mit Leben gefüllt wird. Deshalb haben wir ein Meldesystem eingeführt. Über ein Online-Tool und eine E-Mailadresse haben alle Beschäftigten weltweit die Möglichkeit, uns Verstöße gegen das Abkommen direkt zu melden. Auch über die örtlichen Betriebsratskollegen, Personalabteilungen oder durch einen Anruf direkt beim Konzernbetriebsrat können die Beschäftigten Regelverletzungen mitteilen. Das ist ganz wichtig, denn nur wenn wir wissen, wo etwas schief läuft, können wir reagieren. Die Angaben unterliegen dabei selbstverständlich der Anonymität und dem Datenschutz.

Durch welche Argumente konntet Ihr die Geschäftsführung von diesen Maßnahmen überzeugen?
Wir haben der Konzernführung immer wieder versucht klarzumachen: Wir werden als Unternehmen langfristig nur dann international wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir auch dafür sorgen, dass unsere Produkte im Rahmen der ILO-Normen, der Menschen- und Arbeitnehmerrechte, gefertigt werden. Und indem wir als Unternehmen Werte wie Interessenvertretung, Mitbestimmung und Vereinigungsfreiheit achten. Transparenz ist da absolut entscheidend.

Wie ist Eure Erfahrung seit der Einführung des Meldesystems?
17 Fälle aus 10 verschiedenen Ländern wurden uns seit Januar 2016 gemeldet. Der Schwerpunkt der Verstöße liegt im Bereich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, Arbeitszeit sowie Vergütung. Aber besonders in Nordamerika haben wir auch Fälle, die die Vereinigungs- und Koalitionsfreiheit betreffen - 'Union-Busting', also die systematische Bekämpfung von Arbeitnehmervertretungen, ist hier das Stichwort.

Wie stellt ihr sicher, dass sich dann auch etwas bewegt?
Dazu haben wir einen Internationalen Ausschuss eingerichtet. In ihm sind neben Konzernbetriebsrat und Europäischem Betriebsrat auch Vertreter der IG Metall und dem internationalen Gewerkschaftsbund IndustriALL Global Union vertreten. In diesem Ausschuss gehen wir jedem einzelnen Fall nach - wenn nötig, auch vor Ort durch sogenannte Monitoring-Reisen. So können wir mit der Geschäftsführung und den Arbeitnehmervertretern - sofern vorhanden - vor Ort Gespräche führen und die dort zuständige Gewerkschaft direkt miteinbeziehen, um Lösungen zu finden.

Ihr als Konzernbetriebsrat habt viel Arbeit in das Projekt "Rahmenabkommen und Meldesystem" gesteckt. War diese Energie gut investiert?
Auf jeden Fall - Engagement lohnt sich immer. Wir stehen bei thyssenkrupp mit diesem Projekt aber noch am Anfang. Das A und O ist nun, das Rahmenabkommen und das Meldesystem allen Beschäftigten weltweit bekannt zu machen. In diesem Sinn heißt es also: Fighting forward - unsere Arbeit geht weiter.

Weitere Informationen zum Internationalen Rahmenabkommen und dem Meldesystem bei thyssenkrupp hier.

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Der Deutsche Betriebsrätepreis wird einmal jährlich verliehen. In diesem Jahr wurden zwei Betriebsratsgremien aus dem Organisationsbereich der IG Metall für ihre gute Arbeit ausgezeichnet. Die Preisverleihung erfolgte am 8. November 2018 im Rahmen des Deutschen Betriebsrätetags im Bonner Plenarsaal.

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