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Arbeitszeit

© David Ausserhofer, WZB

Arbeitszeit

Stigmata werden verschwinden

06.04.2018 Ι "Wegweisend" wird das Metall-Tarifergebnis zur Arbeitszeit genannt. Wir sprachen mit Jutta Allmendinger darüber, warum der Abschluss mehr verändern kann als die Arbeitszeiten einer Branche. Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und beschäftigt sich unter anderem mit der Gestaltung der Arbeitswelt von morgen.

Die öffentliche Reaktion auf das Tarifergebnis der IG Metall war beinahe überschwänglich. Warum kommt das Thema Arbeitszeit gerade jetzt an?
Jutta Allmendinger:
Die IG Metall kämpft seit Jahrzehnten für eine fortschrittliche Gestaltung von Arbeitszeiten. "Am Samstag gehört Vati mir" war der Slogan zum 1. Mai 1956 - damals ging es um die 5-Tage-Woche. Mit der Geschlechterfrage hatte das wenig zu tun. Frauen, insbesondere Mütter, waren selten erwerbstätig. Der Satz
"Am Samstag gehört Mutti mir" hätte damals wenig Sinn gemacht. Heute hat sich das geändert. Das Tarifergebnis ist auch ein Impuls für die Gleichstellung von Männern und Frauen. Die IG Metall zeigt damit, dass sie eine gesellschaftspolitische Arbeit leistet, die gestern wie heute den Nerv der Zeit trifft.

 

Ist es wichtig, dass die IG Metall mit einem hohen Männeranteil die Modernisierung der Arbeitszeit vorantreibt?
Allmendinger:
Es ist ein dickes und hoch willkommenes Ausrufezeichen. Wenn Väter temporär auf 28 Stunden gehen und sich Söhne der Pflege ihrer Eltern annehmen, wird das für alle viel ändern. Männer haben endlich die Familienzeit, die sie sich wünschen, und Frauen kommen endlich aus ihrer Zuarbeiterrolle heraus.
 

Wenn kurze Vollzeit Normalität wird, haben auch Väter mehr Zeit für die Familie.
Foto: Robert Kneschke / Fotolia
 

 

Was wird sich für Männer und Frauen durch einen vorübergehenden Anspruch auf kurze Vollzeit ändern?
Allmendinger:
Wenn Frauen und Männer gleichermaßen eine Zeit lang weniger Stunden erwerbstätig sind, wird dies die neue Normalität werden. Stigmatisierung von Männern als Weichlinge und Müttern als Rabenmütter werden verschwinden. Es wird sich zeigen, dass Menschen in kurzer Vollzeit hoch produktiv sein werden. Sie werden neue Kompetenzen entwickeln und Führungsaufgaben gewachsen sein.

 

Warum bedeutet kurze Vollzeit weniger Karrierenachteile als Teilzeit?
Allmendinger:
Beschäftigte in Teilzeit können oft nicht zeigen, was sie drauf haben, da ihnen wichtige Projekte nicht übertragen werden. Diese Beschäftigten bleiben dann in niedrigen und mittleren Positionen stecken. Meist ist es auch schwer für sie, wieder in Vollzeit zurückzukehren. Bei kurzer Vollzeit sind diese Risiken geringer, zumal ein Rückkehrrecht auf Vollzeit besteht.

 

Wird sich das Tarifergebnis auch auf die Politik auswirken?
Allmendinger:
Das Rückkehrrecht in Vollzeit war bereits in der letzten Legislaturperiode vorgesehen. Die große öffentliche Zustimmung zum neuen Vorstoß der IG Metall wird der Politik Rückenwind für wichtige Reformen geben.

 

Welche Rolle spielt der Tarifabschluss für die zukünftige gesellschaftspolitische Debatte?
Allmendinger:
Wir müssen darüber sprechen, in welcher Welt wir leben wollen. Nachdem sich das Alleinverdienermodell überholt hat und immer klarer wird, dass das Zuverdienermodell zulasten der Frauen geht, stellen sich wichtige Fragen: Streben wir Vollzeit für alle an? Wie gehen wir mit Sorgearbeit und Ehrenamt um? Wie gestalten wir eine zukunftsfähige Alterssicherung? Der Tarifabschluss kann wichtige Impulse an die Politik geben. Die Möglichkeit, die Arbeitszeit vorübergehend abzusenken, müsste allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zur Verfügung stehen. Wir müssen auch darüber diskutieren, wie sich alle eine solche Absenkung der Arbeitszeit leisten können.

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