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Arbeitsmarktzahlen: Gespräch mit Wissenschaftler Gerhard Bosch

Arbeitsmarktzahlen: Gespräch mit Wissenschaftler Gerhard Bosch

''Das Jobwunder ist nicht gerecht''

03.01.2012 Ι Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Beschäftigten auf einen Rekordwert gestiegen. Sie lag im Jahresdurchschnitt bei mehr als 41 Millionen Menschen, teilte das Statistische Bundesamt mit. Doch was ist der Preis des sogenannten "Jobwunders"? Fünf Fragen an Professor Gerhard Bosch, Arbeitssoziologe und Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

41 Millionen Menschen waren im Jahresdurchschnitt erwerbstätig. Das entspricht einem Zuwachs um 1,3 Prozent. Gleichzeitig veröffentlichte die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit die Zahl der Erwerbslosen: Sie lag im Jahresdurchschnitt bei 2,976 Millionen. Das ist der niedrigste Wert seit 20 Jahren.

Die Statistiker begründen die Entwicklung in erster Linie mit dem starken Wirtschaftswachstum in den vergangenen beiden Jahren. Die Folgen der guten konjunkturellen Entwicklung zeigen sich seit langem auf dem Arbeitsmarkt. Doch was steckt hinter dem sogenannten "Jobwunder"? Ist es für alle gerecht? Nein, sagt Professor Gerhard Bosch. Der Arbeitssoziologe fordert im Gespräch: Gerade bei der Leiharbeit muss die Politik endlich handeln.

Das vergangene Jahr ist wieder ein Rekordjahr auf dem Arbeitsmarkt. Sehen Sie das auch so?

Die Zahl der Beschäftigten ist 2011 um rund 500 000 auf den neuen Höchststand von 41,61 Millionen gestiegen. Dieser wirtschaftliche Erfolg beruht nicht zuletzt auf der guten Leistung und hohen Qualifikation der Beschäftigten. Die Schattenseite liegt darin, dass die meisten von ihnen nicht den gerechten Anteil an diesem Erfolg bekommen. Der Anteil der Löhne und Gehälter am Bruttosozialprodukt nimmt seit Jahren ab. Und in keinem anderen europäischen Land ist die soziale Ungleichheit so stark gewachsen wie in Deutschland. Die Zahl der Niedriglöhner ist bis 2010 - neuere Zahlen liegen noch nicht vor - auf 7,8 Millionen angewachsen. Auch ein Rekord, auf den wir aber nicht stolz sein können.

Haben Minijobs und Teilzeitstellen weiter zugenommen?

Seit 2004 ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um etwa 150 000 gestiegen; die der Teilzeitbeschäftigten stieg aber im gleichen Zeitraum neunmal so stark um 1,34 Millionen. Teilzeitarbeit wird oft von den Beschäftigten gewünscht, die so familiäre Verpflichtungen und Berufstätigkeit besser miteinander verbinden können. Das sind meistens Frauen, zunehmend aber auch Männer. Wenn Teilzeit selbst gewählt ist und man auf Vollzeit zurückwechseln kann, liegt diese Flexibilität im Interesse der Beschäftigten. Wenn Sie aber nur noch einen nicht existenzsichernden Minijob angeboten bekommen, wie es heute im Einzelhandel oder in der Gastronomie üblich ist, dann enden sie in einer schlecht bezahlten Sackgasse. Ungefähr 90 Prozent aller Minijobber erhalten einen Niedriglohn und werden vielfach für gleiche Arbeit schlechter entlohnt als sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im selben Betrieb. Das ist gesetzeswidrig, aber gängige Praxis. Dass wir heute die mehr als sieben Millionen Minijobs zusätzlich noch durch Abgabenfreiheit subventionieren, schädigt die Sozialkassen und ist ein Skandal.

Was bedeutet die gute Beschäftigungssituation für die Leiharbeitsbranche?

Leiharbeiter sind Arbeitskräfte auf Abruf, die nur dann gebucht werden, wenn Bedarf besteht. Wechselbäder zwischen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit sind typisch. Da Leiharbeiter auch noch schlecht bezahlt werden und durch unstete Beschäftigung oft nicht die nötigen Versicherungszeiten in der Arbeitslosenversicherung aufweisen können, münden sie bei Arbeitslosigkeit oft direkt in der Grundsicherung, also Hartz IV. Etwa ein Drittel aller Arbeitslosen, die sofort auf Hartz IV angewiesen sind, waren Leiharbeiter. Sie können kein Vermögen aufbauen, da dies ja auf die Grundsicherung angerechnet wird. Die Aufstockung niedriger Leiharbeitsgehälter kostet die Bundesagentur für Arbeit mehr als 500 Millionen Euro jährlich. Mit unseren Beitragsgeldern werden die schlechtesten Unternehmen auch noch subventioniert. Mit Marktwirtschaft hat das wenig zu tun.

Wie wird es Ihrer Meinung nach mit dem "Jobwunder" in diesem Jahr weitergehen?

Ich habe selten eine so große Unsicherheit bei den Wirtschaftsprognostikern gesehen, wie zurzeit. Aufgrund der Eurokrise und der Sparpolitik in Europa gehen sie alle davon aus, dass die Exporte nicht mehr oder nur wenig wachsen und die Investitionen stagnieren werden. Vorsichtshalber werden auch Negativszenarios eines stagnierenden Welthandels berechnet, in denen unsere Wirtschaft schrumpft. Im ersten Halbjahr 2012 wird die Beschäftigung aufgrund der gut gefüllten Auftragsbücher wohl noch leicht zunehmen. Die weitere Entwicklung hängt von der Lösung der Euro-Krise ab.

Was muss die Politik tun, damit die gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt auch endlich bei den Geringverdienern und Leiharbeitnehmern ankommt?

Hier hilft nur ein Maßnahmepaket. Dazu gehören ein flächendeckender Mindestlohn, Equal Pay für Leiharbeiter - also gleiches Geld für gleiche Arbeit - und die Abschaffung oder deutliche Begrenzung von Minijobs. Vor allem aber müssen Tarifverträge wieder gestärkt werden. Durch genauere Anforderungen an die Unabhängigkeit und Durchsetzungsfähigkeit von Gewerkschaften müssen die Möglichkeiten der "christlichen" Scheingewerkschaften, Tarifverträge abzuschließen, eingeschränkt werden. Zudem müssen in Branchen mit hohen Anteilen an Kleinbetrieben, Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden.

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