Digitalisierung
Beschäftigte oder Unternehmen?

Die Digitalisierung krempelt die Büroarbeit grundlegend um. Dabei offenbaren sich große Chancen.

24. April 201524. 4. 2015


Diese Frage stellte Christiane Benner, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, zur Eröffnung der 20. Angestelltenkonferenz. Unter dem Motto „Neu Zeiten, neue Fragen. Gemeinsam Wissensarbeit gestalten.“ diskutieren in Willingen zurzeit rund 350 Metallerinnen und Metaller aus ganz Deutschland, wohin sich eben jene Wissensarbeit entwickelt. Denn mit der Digitalisierung verändern sich auch die Tätigkeiten der Angestellten in den Büros, in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Diese Beschäftigten machen in der Gewerkschaft inzwischen ein Viertel der neuaufgenommen Mitglieder aus. Die Konferenz soll Impulse geben, wie sich deren Interessen mit Blick auf die großen Umbrüche durchsetzen lassen. „Wir wollen die Digitalisierung in Bahnen lenken, die den Wünschen und Bedürfnissen der Beschäftigten entsprechen – und nicht nur denen der Arbeitgeber!“, sagte Benner.
 




„Heute haben viele ihr ganzes Büro in der Manteltasche“, sagte Benner in Bezug auf Laptop, Tablet und Co. „Und es stimmt“, fuhr sie fort, „Die neuen Zeiten schaffen neue Freiheiten.“ Sie hätten etwa das Potenzial, uns von eintönigen Tätigkeiten zu befreien und uns mehr Souveränität bei der Wahl von Arbeitszeit und Arbeitsort zu verschaffen. Doch automatisch kommen solche Chancen den Beschäftigten selten zugute. Vor allem ohne Mitbestimmung kann aus vermeintlichen Freiheiten schnell eine Last werden. „Wenn ich in Zukunft gar nicht mehr die Wahl habe, ob ich Zuhause oder im Büro arbeite, weil mein Arbeitgeber meinen Schreibtisch eingespart hat, dann ist das keine Freiheit, sondern Zwang zur Heimarbeit“, sagte Benner.

Mobilarbeit und Büroraumkonzepte sind zwei Schwerpunkte der aktuellen Debatte. Ein anderer ist das sogenannte Crowdsourcing. Dabei werden Tätigkeiten über Internet-Plattformen an eine zumeist anonyme Menschenmenge (Crowd) outgesourct. Ein Extrembeispiel ist das Unternehmen „Local Motors“: Mit nur rund 100 fest angestellten Beschäftigten – und einer Community von geschätzt 45 000 Entwicklern – entwirft und produziert es Autos. Das Open Source-Prinzip bietet dabei viele Vorteile. Doch auch hier lautet die Frage: Was bedeutet es für die Arbeitnehmer, wenn sie zu einer Nummer in einer virtuellen Werkstatt werden? Darüber diskutierten die Teilnehmer der Konferenz unter anderem mit Damien Declercq, dem Vizepräsidenten von Local Motors Europe. Christiane Benner kündigte an, dass die IG Metall beim Thema Crowdwork schon bald neue Wege gehen werde.

Andere Diskussionen, Workshops und Foren drehten sich um flexible Arbeitszeitgestaltung, Datenschutz unter dem Vorzeichen von „Big Data“ und Weiterbildung. „Weiterbildung ist gerade jetzt angesichts der technologischen Umbrüche in den Betrieben überaus wichtig, damit die Beschäftigten nicht von der fortschreitenden Entwicklung abgehängt werden“, sagte Benner. In der jüngsten Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie ist der IG Metall der Einstieg in die sogenannte Bildungsteilzeit gelungen – ein erster Erfolg.

Auf dem sich die Gewerkschaft nicht ausruhen will. Detlef Wetzel, der Erste Vorsitzende der IG Metall, sagte vor dem Hintergrund der derzeit viel thematisierten Industrie 4.0: „Seriöse Studien prognostizieren: Die nächste Automatisierungswelle wird die Büros treffen.“ Und zwar bei den Tätigkeiten, die leicht zu standardisieren seien. Dabei gehe es Unternehmen leider selten darum, die Beschäftigten von monotoner Arbeit zu befreien. „Es geht darum Kosten zu senken und Arbeit auszulagern, wo es nur möglich ist“, sagte Wetzel. „Dabei verkrüppelt Wissensarbeit zusehends zu einer Organisationsaufgabe.“

Einer der Trends: komplexe Entwicklungsarbeiten von Ingenieuren in immer kleinere Teilaufgaben zerlegen, sodass sie sich wie am Fließband bearbeiten lassen. Kreativität und zweckgerichtetem Denken wird dabei oft wenig Platz eingeräumt. „Es geht nicht um ein Bedrohungsszenario“, stellte Wetzel klar. „Wir müssen nur genau hinschauen, was in den Unternehmen passiert, um rechtzeitig gestaltend eingreifen zu können.“

Dazu forderte auch Christiane Benner auf: „Wir müssen den Wandel der Büroarbeit noch genauer unter die Lupe nehmen.“ Mit Forschungsprojekten – aber natürlich auch durch Gespräche mit den Beschäftigten. Unter anderem den Betriebsräten kommt die Aufgabe zu, daraus für die jeweiligen Belegschaften individuell passende Lösungen zu entwickeln. Vielerorts ist das über etwa Betriebsvereinbarungen bereits gelungen. Crowdwork, Mobilarbeit, Open Office, flexible Arbeitszeitmodelle – wenn die Bedingungen stimmen, dann gilt es, die neuen Chancen zu nutzen. Wer profitieren wird? Mit Weitsicht und Mitbestimmung der Beschäftigten – alle, Beschäftigte wie Unternehmen.
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