Christiane Benner im Interview
„Das belebt unsere gewerkschaftliche Kultur“

Was kann die IG Metall tun, um Plattformarbeiter vor Ausbeutung und agile Teams vor Überforderung zu schützen? Fragen an die Zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, zu den Themen der Engineering- und IT-Tagung.

16. November 201716. 11. 2017


Frau Benner, die diesjährige Engineering- und IT-Tagung stellt eine zentrale Frage: Plattformökonomie – Basis für gute Arbeit? Ist sich die IG Metall unsicher, ob digitale Arbeit auch gute Arbeit sein kann?

Christiane Benner: Es kommt darauf an, was man daraus macht. Wir haben einen konstruktiven Austausch mit deutschen Plattformbetreibern. Erst in der vergangenen Woche haben wir mit ihnen eine paritätisch besetzte Ombudsstelle ins Leben gerufen. Dort sollen Streitigkeiten zwischen Crowdworkern, Auftraggebern und Plattformen einvernehmlich und außergerichtlich geklärt werden. So weit, so erfreulich.


Und was ist mit Plattformbetreibern wie etwa Uber?

Das Geschäftsmodell des Unternehmens steht unter anderem für die Verlagerung des unternehmerischen Risikos und der betrieblichen Kosten auf die Fahrer. Und es wälzt die Sozialversicherungskosten auf sie ab. Zu solchen Dumpingmodellen sagt die IG Metall klar „Nein“, und wir wehren uns dagegen.


Was muss getan werden, damit die Chancen digitaler Arbeit überwiegen und nicht die Risiken – und wer muss dafür sorgen?

Der Staat, die Unternehmen und vor allem wir selbst als IG Metall sind gefordert. Es gilt, Gesetze wie das Betriebsverfassungs- und das Mitbestimmungsgesetz an die heutige Zeit anzupassen. Der Staat muss die soziale Absicherung von Crowdworkerinnen und Crowdworkern sicherstellen. Bei den Unternehmen setze ich auf die Einsicht, dass man im digitalen Zeitalter zwingend kreative und selbstbestimmte Belegschaften braucht – das setzt aber gute und faire Arbeitsbedingungen voraus.


Und was wäre Aufgabe der Gewerkschaften?

Sie müssen neben den Bedrohungen auch die Potenziale erkennen, die die neuen Arbeitsformen im digitalen Zeitalter ermöglichen. Richtig gestaltet kann beispielsweise agiles Arbeiten ein Mehr an Freiheit für die einzelnen Beschäftigten bringen. Also: die Risiken weiter ansprechen, aber erst recht die Chancen noch viel mehr nutzen!


Ihr Vortrag trägt den Titel „Neue Arbeit gestalten – mitbestimmt und selbstbestimmt“. Sehen Sie einen Unterschied zwischen „selbstbestimmt“ und „mitbestimmt“?

Unterschied? Ich denke eher an den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Die Mitbestimmung setzt den notwendigen Rahmen, sie garantiert uns Mitwirkungsmöglichkeiten. Und selbstbestimmt kann uns bei unserer betrieblichen Arbeit ein wahrer Kreativitätsschub gelingen. Wir werden auf dieser Tagung von tollen Beispielen hören, wie Betriebsratsarbeit im digitalen Zeitalter aussehen kann. Projektgruppen dürfen laut Betriebsvereinbarung einen „demokratischen Stopp“ ausrufen, wenn ihnen die Arbeit über den Kopf wächst. In einem anderen Betrieb haben unsere Betriebsräte ein „betriebliches Praxislaboratorium“ als Dauereinrichtung etabliert. Wir schaffen durch innovative Ansätze viele Daniela und Daniel Düsentriebs der Mitbestimmung.


Agiles Arbeiten steht quer zu den klassischen Hierarchien in Unternehmen: Kleine Teams arbeiten autonom an einem Projekt, jenseits der Pyramidenstruktur eines Unternehmens. Das bringt Konflikte mit sich. Wie können Betriebsvereinbarungen hier vermitteln?

Wir konzentrieren uns auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten. Bei Daimler ist etwa der Wechsel zwischen der klassischen Linienfunktion und agilen Teams klar geregelt. Das geht von der Freiwilligkeit bis zu Zuschlägen beim Entgelt. Wir brauchen Schutz vor Überforderung und echte Mitspracherechte der Betriebsräte bei der Projektorganisation. Und es braucht klare Grenzen für Leistungskontrollen und den Ausschluss von Verhaltensbewertungen.


Bleibt der Betrieb als Einheit erhalten?

Bei der Einführung einer Schwarmorganisation, die agiles Arbeiten unterstützen und fördern soll, müssen die Beschäftigten in einer betriebsverfassungsrechtlichen Einheit bleiben. Das Schutzniveau bleibt gleich, auch beim Wechsel in ein agiles Team. Und Ressourcen, die durch die Anwendung agiler Methoden frei werden, müssen als Entlastungsräume genutzt werden. Sie dürfen nicht mit anderen Aufgaben gefüllt werden oder gar zu Entlassungen führen.


Die Plattformökonomie arbeitet mit flachen Hierarchien, sie ist dezentraler. Muss sich die Mitbestimmung ändern, um Anschluss an die digitale Arbeit zu bekommen?

Da gilt es zu unterscheiden. Nach der derzeitigen Gesetzeslage gibt es für Plattformbeschäftigte selbst gar kein eindeutiges Recht auf Mitbestimmung, da angeblich alle so genannte Soloselbständige sind. Trotzdem entwickeln wir gemeinsam mit den Plattformbetreibern erste Ansätze für die Mitbestimmung. Und wir haben ja die Ombudsstelle eingerichtet.


Und in den Betrieben?

Dort ist die Herausforderung eine andere. Dort entsprechen die Betriebsratsstrukturen üblicherweise – alleine aus Praxisgründen – den Strukturen der Unternehmen. Wenn die jetzt aufgebrochen oder agiler werden, muss sich natürlich auch die Betriebsratsarbeit ändern, sonst greift sie ins Leere. Ich bin optimistisch, dass uns das gelingt. Wenn die Beschäftigten selbst und ihre Betriebsrätinnen und Betriebsräte in agileren Arbeitsformen arbeiten, dann formulieren sie auch andere Ansprüche an Mitbestimmung. So entstehen viele produktive Ideen. In der Sprache der digitalen Szene kann ich sagen: Die IG Metall ist aktuell das größte agile Mitbestimmungslab der Welt. Das belebt unsere gewerkschaftliche Kultur ungemein.


Beschäftigte in der digitalen Wirtschaft sind überdurchschnittlich jung und sehen sich als flexible Arbeitnehmer. Hat diese Klientel überhaupt Regulierungsbedarf?

Aber Hallo! Da hat schon längst ein richtiger Paradigmenwechsel stattgefunden. Gerade junge Menschen formulieren hohe Ansprüche an die Qualität ihres Arbeitsplatzes selbst wie auch an die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Privatleben. Wenn wir Regelungen abschließen, die ihren Lebensvorstellungen entgegenkommen, dann bekommen wir von jungen Beschäftigten sehr hohen Zuspruch. Das zeigen die positiven Reaktionen etwa auf die Vereinbarungen, die wir zu mobiler Arbeit abgeschlossen haben. Es zeigt sich aber auch an unseren Mitgliederzahlen. Junge Menschen, auch Höherqualifizierte, treten zahlreich in die IG Metall ein. Der Kurs stimmt.


Sie sagten 2015 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, dass Sie einen Digitalexperten aus dem Silicon Valley eingestellt haben. Hat er sich inzwischen an die IG Metall gewöhnt?

Neulich hat sich Michael „Six“ Silberman, so heißt der Kollege, die Haare knallbunt gefärbt. Da wäre es mindestens die Frage, inwieweit sich die IG Metall an ihn gewöhnt hat. Scherz beiseite: Six passt sehr gut zu uns und wir zu ihm. Wir sind bei der IG Metall so vielfältig wie die Belegschaften, die wir vertreten.


Und was genau macht der Kollege?

Six leistet hervorragende Arbeit. Er hat für die IG Metall die Website faircrowdwork.org aufgebaut und auch wichtige Kontakte zu den Plattformbetreibern geknüpft. International ist er gut vernetzt, erschließt der IG Metall viele neue Kontakte und belebt uns mit ganz neuen Ideen für gewerkschaftliche Interessenvertretung im digitalen Zeitalter.


Das Interview führte Gunnar Hinck. Es erschien im September 2017 im Magazin „Mitbestimmung“

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