Arbeit: sicher und fair!
Junge Menschen auf der Schattenseite
Angst vor dem Schicksal "prekär"
Selten hatten junge Menschen so genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft, doch selten war sie so ungewiss. Wenn Klaus Dörre, Professor an der Universität in Jena, seine Studenten fragt, ob sie sich eine feste Stelle wünschen, heben immer alle die Hand. Wenn er dann fragt, wie viele von ihnen glauben, nach dem Studium eine zu finden, melden sich nur noch drei oder vier. Die Angst vor dem "Schicksal prekär" wächst - vor allem unter jungen Menschen.
Sie gehören nicht zu den Abgehängten, und nicht zu den Abgesicherten. Unsichere Arbeitsverhältnisse beginnen nicht erst mit Niedriglöhnen. Auch befristete Stellen, fehlende Übernahmechancen nach der Ausbildung und Werkverträge machen das Leben für viele zu einem täglichen Tanz übers Hochseil - ohne Sicherheitsnetz.

Noch nicht die Regel
Noch ist der Arbeitsplatz ohne Schutz und Rechte die Ausnahme und die Festanstellung die Regel. Doch das ändert sich. 1997 arbeiteten etwa 17 Prozent der Beschäftigten in einem unsicheren Arbeitsverhältnis. Zehn Jahre später waren es schon ein Viertel. Die Zahl der Leiharbeitnehmer übersprang in diesem Frühjahr zum ersten Mal die Millionengrenze und wuchs innerhalb nur eines Jahres um 40 Prozentpunkte. Es trifft vor allem junge Menschen. Fast ein Drittel der 14- bis 34-Jährigen arbeitete 2010 in der Leiharbeit oder befristet. Etwa die Hälfte aller Auszubildenden wird nach der Ausbildung nicht von ihrem Betrieb übernommen.
Die Lage spitzt sich zu
Der große Aufschrei blieb bislang aus. Kein Wunder, meint Dörre, denn unsichere Beschäftigung diszipliniert Menschen gleich doppelt. Sie haben Angst, das Wenige, was sie haben, zu verlieren. Aber sie geben die Hoffnung nicht auf, irgendwann einmal aufzusteigen. "Der Befristete träumt vom unbefristeten Vertrag, und der Leiharbeiter träumt von der Festanstellung", sagt Dörre. Und gleichzeitig fürchten Festangestellte sich vor dem Abstieg. Denn oft sind Leiharbeiter und Befristete die stumme Drohung der Arbeitgeber an die Stammbelegschaft, dass ihr sicherer Arbeitsplatz jederzeit enden kann.
Bereits Ende der 90er-Jahre sahen Soziologen in dem Trend zu unsicheren Arbeitsverhältnissen nicht die logische Folge marktwirtschaftlichen Denkens, sondern ein Instrument, Beschäftigten immer mehr zuzumuten. Unsichere Beschäftigung ist kein ökonomisches Grundgesetz. Ein wirtschaftliches Überleben ohne Leiharbeit ist möglich. In einer Umfrage der IG Metall unter 5000 Betrieben gaben immerhin 1500 an, überhaupt keine Leiharbeitnehmer einzusetzen.
Vor der Lobby eingeknickt
Dennoch weigert sich die Bundesregierung bisher, Arbeitnehmer besser zu schützen. Dabei verlangt selbst die Europäische Union von ihren Mitgliedsländern, unfaire Leiharbeit einzudämmen. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen legte daraufhin einen Gesetzentwurf vor. Die Vorgaben aus Brüssel suchte Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, darin jedoch vergeblich. Nach der EU-Richtlinie haben Leiharbeitnehmer das Recht auf gleiche Bezahlung und Arbeitsbedingungen wie die Stammbelegschaft. Davon können Arbeitgeber unter ganz engen Voraussetzungen abweichen. "Dieser Anforderung entspricht der Gesetzentwurf nicht", kritisiert Wetzel. "Die Arbeitsministerin ist vor der Leiharbeitslobby eingeknickt."
Die IG Metall fordert, Leiharbeitnehmer per Gesetz den Stammbeschäftigten gleichzustellen. Nur so ließe sich auch der Missbrauch etwa nach dem "Schlecker-Prinzip" verhindern. Die Drogeriekette hatte mit dem Versuch, Festangestellte zu entlassen und sie dann als billige Leiharbeitnehmer wieder einzustellen, bundesweit für Empörung gesorgt. "Mit dem jetzigen Gesetzentwurf leistet die Arbeitsministerin Unternehmen lediglich Hilfestellung, das Recht auf gleiche Bezahlung zu umgehen", sagt Wetzel.
Wo die IG Metall die Möglichkeit hat, setzt sie sich für dieses Ziel ein. In den Betrieben schloss sie fast 700 Vereinbarungen ab, die Leiharbeitnehmer besser stellen. In der Stahlbranche gelang es ihr Anfang 2010, gleiche Bezahlung für Leiharbeitnehmer erstmals tariflich zu regeln. "Natürlich nehmen wir die Unternehmen in die Pflicht", sagt Wetzel. "Doch nur ein vernünftiger gesetzlicher Rahmen schafft Sicherheit für alle." Sonst suchen sich Arbeitgeber nur das nächste Schlupfloch. So beobachtet Christian Iwanowski von der IG Metall in Nordrhein-Westfalen einen neuen Trend. "Wenn unsere Betriebsräte Druck machen wegen Leiharbeit, weichen manche Arbeitgeber auf Werkverträge aus."
Raus aus der Misere
Mit Werkverträgen vergeben Unternehmen bestimmte Aufgaben an Subunternehmer. Dafür kann es gute Gründe geben. Schwierig wird es allerdings, wenn Subunternehmer keine Tariflöhne zahlen oder aus ehemaligen Beschäftigten per Werkvertrag plötzlich selbstständige Unternehmer werden. In Nordrhein-Westfalen hat die IG Metall angefangen, bei den Werkverträgen aufzuräumen. Bei Vodafone in Ratingen gelang ihr ein erster Erfolg: Das Unternehmen hatte Arbeit nach Indien verlagert. Trotzdem musste kaum einer gehen. Der Betriebsrat hatte sich Werkverträge vorgeknöpft und damit drohende Kündigungen verhindert. Den Betroffenen wurden Ersatzarbeitsplätze angeboten.
Raus aus der Misere, rein in sichere und faire Arbeit - davon profitieren auch die Unternehmen. Davon ist Klaus Dörre überzeugt. Unternehmenserfolg ist kein reines Rechenexempel. "Manche Arbeitgeber unterschätzen,wie wichtig Faktoren wie Loyalität und Verantwortung sind. Wer sich als Zeisianer fühlt, setzt sich mehr für sein Unternehmen ein, als jemand, der eigentlich nur darauf wartet, dass er etwas Besseres findet." Arbeitgeber könnten zwar mehr Leistung erzwingen, Leidenschaft für die Arbeit und ein gutes Ergebnis bekommen sie mit allgemeiner Verunsicherung aber nicht.
Auch Kfz-Mechatroniker André hofft, dass ihm der Arbeitsmarkt mehr zu bieten hat, als Arbeit ohne Schutz und Rechte. Einen sicheren Arbeitsplatz mit fairer Bezahlung muss es doch irgendwo geben.
Bei einem Werkvertrag verpflichtet sich ein Auftragnehmer, für einen Auftraggeber eigenständig ein "Werk" zu erbringen. Der Unterschied zur Leiharbeit: Beschäftigte mit Werkvertrag üben ihre Tätigkeit nicht nach Weisung des Auftraggebers aus. Sie sind auch nicht an den Betrieb des Auftraggebers gebunden, sondern können ihren Arbeitsort selbst bestimmen. Leiharbeitnehmer arbeiten dagegen nach Weisung des Entleihbetriebs.
- Leiharbeit, Befristung, Werkvertrag
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Für ein
gutes Leben
"Seit einigen Jahren arbeite ich auf der Basis von Werkverträgen. Kurz nach meiner Arbeitslosigkeit bekam ich meinen ersten Werkvertrag angeboten. Nicht schlecht, dachte ich. Davon kann ich leben, rechnete ich mir aus. Doch dann merkte ich, wie mich die Küchen- hersteller, -planer und -studios aus- quetschen. Sie behandeln mich wie einen Leibeigenen, diktieren Lohn und Bedingungen. Zum Beispiel, dass ich keine Werbung machen darf. Ich verdiene
pro Stunde rund 13 Euro weniger als vergleichbare Handwerker. Im vergan- genen Jahr haben sie bei meinen Kollegen dem Stundenlohn einfach einen Euro abgezogen. Wenn ich nicht mehr weitermachen wolle, dann könne ich ja
gehen, hieß es. Der Druck der Hersteller ist groß, und wir haben keine Lobby. Die Auftraggeber schauen nur auf die Rendite. Die Menschen sind egal. Teilweise übernachten die Monteure im Bulli. Mittlerweile gibt es Monteure, die ihre Arbeitskraft im Internet versteigern. Für eine Handvoll Euros am Tag."
"Es ist finanziell eng bei uns. Ich habe zwei Töchter im Alter von drei und neun Jahren. Wir kaufen meistens bei Lidl ein. Was anderes können wir uns nicht leisten. Ins Kino, abends ausgehen, Urlaub haben meine Frau Daniela und ich uns abgeschminkt. Du guckst wie besessen immer auf dein Konto und fragst dich, ob es diesen Monat reicht. Manchmal helfen meine Eltern aus. Aber mit 26 möchte ich endlich auf eigenen Beinen stehen. Gelernt habe ich Kfz-Mechaniker. Leider wurde der Betrieb Georg von Opel insolvent. Nach der Lehre habe ich mich von einer Befristung zur nächsten gehangelt. Als Leiharbeiter hatte ich zeitweilig nur 7 Euro in der Stunde. Als Aushilfe bei Stabilus in Koblenz war es etwas besser. Doch dann kam die Krise und alle Aushilfen mussten gehen. Danach war ich ein Jahr arbeitslos. Ich kam als Leiharbeitnehmer wieder zu Stabilus. Der Betriebsrat hat sich für mich eingesetzt, jetzt habe ich Aussicht auf einen festen Vertrag. Die Hungerzeit hat dann hoffentlich ein Ende."
"Mein Wunschberuf nach dem Studium war es, Softwareentwickler zu werden. Zwei Jahre lang habe ich versucht, eine Anstellung zu finden. Zwischenzeitlich habe ich als Nachtportier und Behindertenbetreuer gearbeitet. Dann erhielt ich Arbeit. Aber nur ein Praktikum. Anschließend bekam ich einen Vertrag für zwölf Monate. In dem Job konnte ich aber nicht das tun, was ich erhofft hatte. Insgesamt habe ich seit fünf Jahren nur kurzfristige Verträge. Zuerst habe ich das alles ja noch ertragen, weil ich mir sagte: Nach einem Philosophiestudium eine Stelle zu finden ist ja nicht so einfach. Aber wenn sich das über Jahre hinzieht, zehrt das ganz schön an den Nerven. Ich habe keine Hobbys mehr gepflegt, keine Musik gemacht. Sondern ich habe nur noch versucht, in der Programmierung weiterzukommen. Inzwischen bin ich völlig desillusioniert. Die Energie, die ich eigentlich ins Arbeiten und in meine berufliche Zukunft stecken möchte, verwende ich jetzt darauf, nicht allzu sehr ins Bodenlose abzusacken."
"Als ich 2008 mit meiner Ausbildung angefangen habe, war Boom und Arbeit ohne Ende da. Manroland ist eine der Top-Adressen in Augsburg und Umgebung. Dann haben wir mitgekriegt, wie es immer enger wurde. Der Jahr- gang vor uns ist bereits komplett in Kurzarbeit übernommen worden. Da habe ich erst gar keine persönlichen Pläne gemacht. Und doch waren wir schockiert, als es Ende November hieß: Keine Übernahme nach der Ausbildung. Wir haben Bewerbungen geschrieben. Ich war auch bei der Arbeitsagentur. Aber die hatten fast nur Leiharbeit im Angebot. Zum Glück hat dann unsere Jugendver- tretung schnell mit dem Betriebsrat und der IG Metall eine Riesenaktion gestartet. Wir haben demonstriert und Plakate geklebt. Unter dem Motto "Qualifikation sucht Zukunft" haben wir Betriebe in der Region angeschrieben. Die Medien - Zeitung, Radio und Fernsehen - waren da. Mittlerweile sind die meisten von uns untergekommen. In guten Betrieben mit IG Metall-Tarif.
