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Update für die Demokratie - Zukunftsperspektiven für die Junge Generation

Die Zukunftsperspektiven der Jungen Generation

"Unsere Demokratie braucht dringend ein Update"

18.08.2010 Ι Eric Leiderer, Bundesjugendsekretär der IG Metall, über die Zukunftsperspektiven der Jungen Generation, die Auswirkungen der kapitalistischen Krise und seine Vision von der IG Metall der Zukunft.

Seit Anfang 2009 macht die IG Metall Jugend die Kampagne Operation Übernahme. Was habt ihr seitdem erreicht?

Eine ganze Menge. Wir haben seit dem Start bundesweit über 200 Operation-Übernahme-Aktionen erlebt und waren in den Medien so präsent wie nie zuvor. Wir haben das Thema Übernahme in den Betrieben auf die Agenda gesetzt und in den Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie deutliche Verbesserungen durchsetzen können. Und das mitten in der Krise. Das ist eine Leistung, auf die wir stolz sein können. Aber ich sage auch: Da geht noch mehr.

Was waren und was sind denn eure Ziele mit Operation Übernahme?

Zuerst geht es uns darum, dass alle Auszubildenden nach der Ausbildung übernommen werden. Unbefristet und in ihrem erlernten Beruf. Das ist heute zur Ausnahme geworden, etwa die Hälfte bis zwei Drittel der jungen Menschen steht nach abgeschlossener Ausbildung vor der Wahl, unsichere Jobs mit miesen Löhne anzunehmen oder gleich "hartzen zu gehen", wie viele inzwischen selbstironisch sagen. Damit kann man  keine oder kaum Berufserfahrung sammeln. Ohne Berufserfahrung sinken die Chancen aber dramatisch, sichere und fair bezahlte Arbeit zu finden. Aber die Übernahme ist nur ein Aspekt unter vielen, es geht letztlich um die Interessen einer ganzen Generation, die allzu oft von Prekarität betroffen oder bedroht ist. Deshalb müssen wir wieder zu einer mächtigen Kraft werden, an der man nicht vorbeikommt, wenn es um die großen Zukunftsfragen dieser Gesellschaft geht.

Wie stellst du dir den Weg dahin vor?

Wir müssen uns der Realität stellen, wenn wir sie verändern wollen. Die vielen neuen Beschäftigungsformen, die nicht mehr Normalarbeitsverhältnisse sind, müssen wir in die gewerkschaftliche Organisation einbeziehen. Wir müssen die junge Generation, die immer öfter nur noch Niedriglohn und Befristung kennt, in unsere Kämpfe mit einbeziehen. Wenn wir mit ihnen zusammen keine langfristigen Antworten finden, verlieren wir auf Dauer unsere gesellschaftspolitische Legitimation. Wir müssen uns der Zukunft stellen und dürfen keine Angst vor Neuem haben, wenn wir neue Möglichkeiten erkennen und für uns nutzen wollen. Und das wollen wir.

Wo siehst du neue Möglichkeiten, ausgerechnet in der jetzigen Krise?

Die Krise verstärkt doch eher die Offenheit, über neue Ideen zu reden. Gerade jetzt müssen wir der Ideologie von der Freiheit der Märkte unsere Vision von der Freiheit der Menschen entgegensetzen. Wir müssen uns auch klar werden darüber, dass unsere Generation in vielen europäischen Ländern mit den gleichen Problemen kämpft und dass die KollegInnen auch dort unsere Solidarität brauchen.

In einem internen Strategiepapier, das du im Februar veröffentlicht hast, ist die Rede von Massenprotesten, auf die sich die IG Metall einstellen solle. Was meinst du damit, was willst du damit sagen?

Wir konnten doch in den letzten zwei Jahren sehen, wohin der entfesselte Kapitalismus in vielen europäischen Ländern geführt hat: Griechenland ist nur das dramatischste Beispiel. Überall ist es vor allem die Jugend, die "Generation 700 Euro", wie sie in Griechenland oder die "Generation Null",  wie sie in Spanien genannt wird, die sich gegen die Perspektivlosigkeit aufgelehnt hat.

Aber liegt in diesem Auflehnen nicht auch eine große Gefahr? Wenn sich das alles zuspitzt und die Stabilität unserer ganzen Gesellschaft bedroht?

Genau deshalb müssen wir das als Konflikt ernst nehmen. Wenn sich die jungen Menschen auflehnen, dann heißt das: Die sehen einfach keine Zukunft mehr für sich in diesem System. Und ich gehöre nicht zu denen, die glauben, die so genannten Finanzkrisen wären mit einigen Billionen Euro und ein paar lächerlichen Alibi-Änderungen an den Finanzmärkten vorbei. Für mich ist das eine internationale Krise,  auch eine Krisen der Demokratie, die noch viel weitere Kreise ziehen wird. Auch wenn das viele nicht gerne hören, glaube ich deshalb wirklich, dass wir uns zumindest mit der Möglichkeit beschäftigen sollten, dass sich die soziale Situation auch bei uns zuspitzt.

Hast du eine Idee, was dagegen getan werden könnte?

Wir müssen weg von der bescheuerten Idee, dass Marktmechanismen Politik ersetzen könnten. Was die Menschen täglich erleben, das sind keine unsichtbaren Hände die alles regeln, das sind unsichtbare Ellenbogen, und die tun weh. Vor allem den Jungen, in Deutschland und in vielen anderen Ländern. Erst vor ein paar Tagen war in der amerikanischen "Business Week" zu lesen, dass in den USA nur 46 Prozent der Jungen zwischen 16 und 24 überhaupt Arbeit haben. Das ist auch in Europa nicht mehr weit entfernt, das könnte auch uns bevorstehen, wenn wir nicht ganz grundsätzlich etwas ändern.

Die jetzige Bundesregierung wird da kaum mitspielen. Welcher politischen Kraft traust du das zu?

Um ehrlich zu sein, habe ich hier wenig Vertrauen in eine Politik, von der sich ein Großteil der Jungen gar nicht mehr vertreten fühlt. Und das ist ja auch kein Wunder: Die wichtigen Entscheidungen der letzten Jahre waren sicher nicht im Interesse der Jugend in Europa. Ich glaube, jetzt ist es an uns, jetzt liegt es an den Gewerkschaften und allen voran an der IG Metall, dass wir unseren gesellschaftlichen Einfluss wahrnehmen und gemeinsam Druck machen. Aber wie gesagt, dazu müssen wir uns der Realität aussetzen, uns die Situation nicht schön reden, sondern die Lage nehmen, wie sie ist. Der amerikanische Bürgerrechtler Saul Alinsky sagt, "Demokratie ist eine Lebensweise und keine Formel, die man in Gelee konserviert". Unsere Demokratie braucht dringend ein Update - im Interesse der Jungen, auf der Basis ihrer Anforderungen und Bedürfnisse. Deshalb haben wir als IG Metall Jugend beschlossen, uns lebendig und laut einzumischen. Und ich bin überzeugt, dass wir damit nicht allein sind.

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