Internationaler Frauentag: Interview Helga Schwitzer
"Jeden Schritt in Richtung Gleichberechtigung erkämpfen"
Frauen verdienen heute gutes Geld, machen Karriere, werden Ministerin, Bundeskanzlerin oder geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Trotzdem fordern die Gewerkschaften am Internationalen Frauentag die Gleichstellung und von der Politik gesetzliche Regelungen. Warum?
Trotz Bundeskanzlerin, Ministerinnen und anderer Fortschritte: Eine aktive Gleichstellungspolitik ist in unserer Gesellschaft immer noch bitter nötig. Ob es um Entgelte, die Verteilung der Familienarbeit oder Kinderbetreuung, Aufstiegschancen oder Weiterbildung geht, Frauen werden noch immer benachteiligt. Und auch in der Politik herrschen noch immer die verstaubten Rollenbilder vor.
Wie äußert sich das konkret?
Beispiele sind die geplante Einführung der sogenannten "Herd-Prämie". Und das deutsche Steuersystem - Stichwort "Ehegattensplitting" - sowie die sozialen Sicherungssysteme die noch immer auf das alte Rollenbild des männlichen Familienernährers zugeschnitten sind. Aber auch in den Betrieben sind wir von einer tatsächlichen Gleichstellung von Frauen noch weit entfernt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gleicht bei vielen Frauen einem Tanz auf dem Drahtseil und von einer eigenständigen Existenzsicherung sind viele noch Meilen entfernt. Obwohl immer mehr Frauen heute erwerbstätig sind, stagniert ihr Arbeitsvolumen seit Jahrzehnten. Anders gesagt: Immer mehr Frauen teilen sich den gleichen Kuchen.
Aber sie erhalten inzwischen doch auch häufiger die "Sahnestücke", wenn sie in Führungspositionen aufsteigen.
Spitzenpositionen in der Wirtschaft sind immer noch männlich. Insgesamt liegt der Frauenanteil in den Vorständen gerade mal bei drei Prozent. Denn die "gläserne Decke" behindert trotz aller Kompetenz noch immer die Karrierepläne von Frauen. Gewerkschaftsfrauen wollen Gleichberechtigung zu 100 Prozent. Deshalb fordern wir auch gesetzliche Vorgaben für die Chancengleichheit von Frauen in der Privatwirtschaft.
Frauen in Deutschland verdienen 23 Prozent weniger als Männer. In kaum einem EU-Land ist das Lohngefälle so groß wie hier. In Betrieben mit Betriebsrat fällt der Unterschied etwas geringer aus. Was tut die IG Metall für mehr Entgeltgerechtigkeit?
Noch viel mehr als ein Betriebsrat, mindert die Tarifbindung den Entgeltunterschied. Das weist darauf hin, dass wir mit einer geschlechtergerechten Tarifpolitik einiges erreichen können. Das zeigen auch unsere Entgeltrahmentarifverträge. Körperliche Belastungen, die in der Vergangenheit immer wieder als Beispiel für eine ungerechte und unfaire Arbeitsbewertung von Frauen zitiert wurden, sind endlich nicht mehr eingruppierungsrelevant. Wir hätten gerne noch mehr erreicht. Aber in den Verhandlungen standen wir Arbeitgebern gegenüber, die diese Verhandlungen eher dazu nutzen wollten, Einkommen zu senken. Ein anderes Einfallstor für die schlechteren Einkommen von Frauen sind die Schmalspurausbildungen, die die Arbeitgeber vermehrt anbieten wollen. Vor kurzer Zeit haben wir erst eine Protestaktion gegen die zweijährige Ausbildung im Bürobereich gestartet. Die Unterschriftenaktion läuft noch.
Wie wirkt sich die Familienplanung auf das Lohngefälle aus?
Untersuchungen zeigen immer wieder, dass sich vor allem Mütter, die erwerbstätig sind, Arbeitsplätze suchen, in denen sich Kindererziehung und Erwerbsarbeit gut vereinbaren lassen. Für dieses Ziel verzichten sie auch schon mal auf ein höheres Einkommen. Dieses Dilemma ist aber kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem. Wir brauchen bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten und wir brauchen bessere Arbeitszeitmodelle in unseren Betrieben.
Auch der aktuelle Vorschlag der Ministerin Schröder zu einer Familien-Pflegezeit geht an der Realität vieler erwerbstätiger Frauen vorbei. Denn eine Reduzierung der Arbeitszeit um 50 Prozent und eine Absenkung der Entgelte um 25 Prozent berücksichtigt nicht, dass fast jede zweite Frau Teilzeit arbeitet und jede dritte Geringverdienerin ist. Für sie ist dieses Modell keine Lösung. Darüber hinaus wird mit diesem Vorschlag die Pflege wieder individualisiert und privatisiert, was schon in der Vergangenheit meist zu Lasten der Frauen ging. Um so wichtiger ist, dass Kinderbetreuung, Pflege und passgenaue Arbeitszeiten immer mehr Thema in unserer Tarifpolitik werden.
Fast jede dritte erwerbstätige Frau arbeitet als Ein-Euro-Jobberin, Mini-Jobberin oder Leiharbeiterin im Niedriglohnsektor. Würde ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn die Frauen aus der prekären Arbeitssituation befreien?
Unser Ziel ist es zunächst, tarifliche Mindestentgelte durchzusetzen. Da stoßen wir allerdings bei einigen Arbeitgebern, aber auch in der Politik, auf Granit. Als unterste Grenze wollen wir gemeinsam mit den anderen DGB-Gewerkschaften einen gesetzlichen Mindestlohn. Wir werden unsere Forderung von 7,50 Euro auf dem DGB Bundeskongress auf 8,50 Euro erhöhen. Dieser würde auch für Frauen einen Schutz vor weiterem Lohndumping bedeuten. Das wäre aber nur ein allererster Schritt, dem weitere qualitative folgen müssten. Regelungen im Arbeits-, Sozial- und im Steuerrecht, die die "Frauenerwerbstätigkeit" behindern, müssen weg. Geringfügige Beschäftigungsverhältnisse und das Ehegattensplitting müssen abgeschafft werden.
Der diesjährige Frauentag fällt in die tiefste Krise seit 1920. Vor allem Frauen drohen in der Krise an den Rand des Arbeitsmarktes gedrängt zu werden. Was kann die IG Metall tun, damit Frauen in der Krise nicht auf der Strecke bleiben?
Langfristig fordern wir, die Krise als offenes Zeitfenster zum Umsteuern zu begreifen. Die Märkte, vor allem die Finanzmärkte, müssen reguliert werden. Der Staat muss wieder eine stärker steuernde und sozial ausgleichende Rolle einnehmen. Die Wirtschaftsordnung muss nach humanen Kriterien umgestaltet werden: Sozial, ökologisch nachhaltig und geschlechtergerecht. Außerdem müssen wir als IG Metall die Betriebsräte unterstützen, indem wir sie über Diskriminierungspotenziale aufklären und den Geschlechterblick schärfen. Die Werkzeuge der IG Metall zur Krisenbewältigung müssen geschlechtersensibel angewendet werden.
Wie soll das gehen?
Alle Beschäftigtengruppen müssen gleichermaßen von Angeboten profitieren. Frauenpolitisch relevante Ziel- und Problemgruppen sind vor allem Angelernte in gewerblichen Bereichen, Teilzeitbeschäftigte, Verwaltungsangestellte sowie Beschäftigte mit Familienpflichten. Insbesondere Frauen in (längerer) Elternzeit dürfen nicht aus dem Blick verloren werden. Sie gehören nach wie vor zur Belegschaft. Als Reaktion auf die Krise geht es darum, Beschäftigung zu sichern und Arbeitsplatzabbau zu verhindern bzw. zu verringern.
Der Staat muss geschlechterrelevante Aspekte berücksichtigen: Öffentliche Investitionen an Sozialstandards zu binden, heißt dann auch, sie an Frauenförderung und Gleichstellungsstandards zu knüpfen.
Vor genau 100 Jahren beschloss die Zweite Internationale Sozialistische Frauenkonferenz, jährlich einen Internationalen Frauentag zu begehen. Für das Wahlrecht gingen 1911 mehr als eine Million Frauen auf die Straße. Sind die Frauen heute kampfmüde geworden?
Ich sehe es nicht so. Frauen von heute sind genauso kämpferisch. Und sie haben auch viel bewegt. In Ortsfrauenausschüssen, in Betriebräten, in Jugend- und Auszubildendenvertretungen oder in Ortsvorständen haben wir sehr aktive und kompetente Kolleginnen.
Gewerkschaftsfrauen vor Ort ist es vor allem zu verdanken, dass der Anteil der Frauen in den Betriebsratsgremien deutlich gestiegen ist. Heute allerdings ist die Ausgangssituation oft komplizierter. Heute ist es oft schwierig, die immer noch erfolgende Diskriminierung und Ungleichbeihandlung zu erkennen - geschweige denn diese nachzuweisen.
Also kein Grund zur Entspannung?
Heute ist die Ungleichbehandlung in den "Untergrund" abgetaucht. Auf den ersten Blick versteckt sie sich gut. Oft ist sie nicht einmal in der Lebenswirklichkeit der Frauen selbst zu spüren. Zahlreiche statistische Untersuchungen und Erhebungen, vom Statistischen Bundesamt, der OECD, der EU, oder der Weltbank belegen stets aufs Neue: von gänzlicher Gleichstellung kann keine Rede sein. Auch in Deutschland. Auch im 21. Jahrhundert.
Die norwegische Journalistin und Autorin Grethe Nestor hat es auf den Punkt gebracht: Die größte Gefahr für die Gleichberechtigung ist der Mythos, wir hätten sie schon. Formal haben wir die gleichen Rechte. Wenn es nach dem gedruckten Wort in unseren Gesetzesbüchern ginge, dürfte es eigentlich keine Gleichstellungsprobleme mehr geben. Formal dürfen wir alles, formal haben wir alle Chancen.
Doch wir wissen auch: Wir müssen jeden Schritt in Richtung Gleichberechtigung erkämpfen. Die Frauen in der IG Metall tun alles dafür, damit sie und ihre Kolleginnen in der Krise nicht auf der Strecke bleiben. Dafür werden wir gemeinsam noch einiges bewegen!
IG Metall*
Interessen erfolgreich durchsetzen.
Der Internationale Frauentag geht auf die Arbeiterinnenbewegung Mitte des 19. bis 20. Jahrhunderts zurück. Damals demonstrierten und streikten in den USA die Textilarbeiterinnen. Der erste Internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Für das Wahlrecht für Frauen gingen über eine Million Frauen auf die Straße - eine bis dahin beispielslose Massenbewegung.


























