IG Metall kritisiert Imagekampagne der Leiharbeitsunternehmen
Kein ernsthaftes Interesse an fairen Regelungen
Mit einer Hochglanzkampagne versucht der Bundesverband der Personaldienstleister (BAP) derzeit, das Image der Leiharbeitsbranche in Deutschland zu verbessern. Das scheint auch bitter nötig: Laut einer repräsentativen Umfrage von Infratest Dimap sehen vier von fünf Befragten in Leiharbeit eine moderne Form der Ausbeutung.
Die Realität
Der schlechte Ruf kommt nicht von ungefähr. Der Arbeitgeberverband BAP bemüht sich zwar, Leiharbeit als Chance für jeden einzelnen und den Wirtschaftsstandort insgesamt darzustellen, doch die IG Metall kennt die Realität in den Betrieben. Und die sieht anders aus:
| Die Arbeitgeber behaupten | Richtig ist |
| Viele Leiharbeitnehmer werden übernommen. | Nur sieben Prozent der Leiharbeiter, die vorher arbeitslos waren, werden von einem ihrer Einsatzbetriebe übernommen. |
| Leiharbeitnehmer werden gut bezahlt. | Für die gleiche Arbeit bekommen Leiharbeitnehmer bis zu 50 Prozent weniger als ihre festangestellten Kollegen. |
| Leiharbeit erleichtert den Einstieg in das Berufsleben. | Leiharbeit erschwert den Einstieg in den Beruf. Beschäftigte arbeiten oft nicht in ihrem Ausbildungsberuf und haben nur selten Zugang zu Weiterbildung. |
| Leiharbeit ermöglicht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. | Leiharbeitnehmer können jederzeit Job und Einkommen verlieren. Unter solchen Umständen wird eine Familiengründung zu einem unkalkulierbaren Risiko. |
| Durch Einsätze in unterschiedlichen Unternehmen macht Leiharbeit das Berufsleben abwechslungsreich. | Vielen Leiharbeitnehmern fehlen dauerhafte Kollegen. Häufig wechselnde Einsatzorte machen es unmöglich, soziale Kontakte aufzubauen. |
Leiharbeit weiter auf dem Vormarsch
Nach den Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die auf einer Umfrage des BAP unter seinen Mitgliedsunternehmen beruhen, lag die Zahl der Leiharbeitnehmer in Deutschland im März dieses Jahres bei etwa 860 000. Im Schnitt nahm die Zahl der Leiharbeiter allein bei den im BAP organisierten Verleihern zwischen März 2010 und März 2011 um 17,5 Prozent zu.
"Den meisten der rund eine Million Leiharbeitnehmern bleibt der versprochene Aufstieg verwehrt", stellte Detlef Wetzel, Zweiter Vorsitzender der IG Metall, fest. Auch deshalb wolle die IG Metall die Verdrehung der Tatsachen durch den BAP nicht unkommentiert lassen. Wetzel präsentierte heute in Frankfurt ein an die BAP-Kampagne angelehntes Plakatmotiv.
Respekt vor der Arbeit der Menschen fehlt
Aus dem Arbeitgeber-Slogan "Einstieg. Aufstieg. Wachstum." wird daraus "Einstieg. Abstieg. Sackgasse.". Der IG Metall-Slogan fasst die Erfahrungen vieler Beschäftigter Leiharbeitnehmer zusammen: Oftmals werden sie ausgebeutet und man bleibt ihnen den Respekt für ihre geleistete Arbeit schuldig. Dabei ist Arbeit der wertvollste Rohstoff, den Deutschland besitzt.
Ein Beispiel für die Ungleichheit: In der Metall- und Elektroindustrie in Nordrhein-Westfalen hat ein Leiharbeitnehmer, der über eine zweijährige Ausbildung verfügt, nach dem BZA/DGB-Tarif einen Stundenlohn von 9,84 Euro. Ein Festangestellter mit vergleichbaren Aufgaben hat einen Stundenlohn von 14,45 Euro. Der ausgebildete Leiharbeiter verdient 33 Prozent weniger als sein festangestellter Kollege.
Noch größer wird die Lücke bei den ungelernten Beschäftigten: Hier liegt der Stundenlohn in der M+E-Industrie NRW tariflich bei 7,79 Euro. Ein Festangestellter erhält hingegen für Tätigkeiten, die keine oder nur eine kurze Anlernzeit erfordern, einen Stundenlohn von 12,91 Euro. Der Leiharbeitnehmerverdient 40 Prozent weniger.

Detlef Wetzel präsentiert die Antwort der IG Metall auf die BAP-Kampagne. Foto: Frank Rumpenhorst.
Aber nur mit qualifizierten, motivierten und selbstbewussten Beschäftigten lassen sich die Herausforderungen der Zukunft meistern. Die auf prekäre Jobs setzende Dumping-Strategie der Arbeitgeber und das Nichtstun der Bundesregierung gefährden hingegen die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.
Keine neuen Impulse
Wer sich vom im April dieses Jahres neu gegründeten Bundesverband der Personaldienstleister positive Impulse erhofft hatte, werde nun enttäuscht, befand Wetzel. "Wir können im Moment nicht erkennen, dass der Arbeitgeberverband für Personaldienstleister ein ernsthaftes Interesse an fairen Regelungen für die Beschäftigten in der Leiharbeit hat", sagte der Gewerkschafter.
Derzeit führe die IG Metall zwar Gespräche mit Zeitarbeitsverbänden über gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Festangestellten. Wenn es für den Grundsatz "Gleiche Arbeit - Gleiches Geld" aber bis zum Herbst keine Bewegung auf Arbeitgeberseite - auch bei Gesamtmetall - gebe, werde das Thema in die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie einfließen, kündigte Wetzel an.
Leiharbeit in der M+E-Industrie
Die Metall- und Elektroindustrie ist vom Anstieg der Leiharbeit überdurchschnittlich stark betroffen: Noch im Juni 2000 waren 109 905 Leiharbeitnehmer in Metall- und Elektroberufen tätig - etwa ein Drittel aller Leiharbeitnehmer. Im Juni 2010 waren es schon 311 240 (38,6 Prozent). Diese Zahl enthält nur Monteure, Schlosser, Elektriker und Montierer.
Rechnet man die "technischen Berufe" den Metallbranchen zu, ist der Anteil sogar von 35,8 Prozent im Jahr 2000 auf inzwischen 43,2 Prozent gewachsen. Tatsächlich ist der Anteil wahrscheinlich sogar noch höher, denn in diesen Zahlen nicht enthalten sind die Leihbeschäftigte in Büros und Verwaltungen, da sie in den Statistiken keinen Branchen zugeordnet werden.
Die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie machen keinen Hehl daraus, dass sie im Aufschwung sehr stark auf Leiharbeit setzen: Laut Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser würden im laufenden Jahr 80 000 neue Arbeitsplätze in der M+E-Industrie entstehen. Dazu kämen noch mal 35 000 Stellen für Leiharbeitnehmer. Das bedeutet im Klartext, dass unterm Strich mehr als jede dritte neu geschaffene Stelle in Leiharbeit entsteht.
Offen bleibt zudem, ob es sich bei den von Kannegiesser genannten 80 000 Arbeitsplätzen um unbefristete Vollzeitstellen handelt. Eine Umfrage der IG Metall Ende letzten Jahres unter rund 5000 Betriebsratsvorsitzenden hatte ergeben, dass Neueinstellungen in 42 Prozent der Fälle befristet erfolgen. Damit spielen Befristungen bei den Neueinstellungen eine ähnlich große Rolle wie Leiharbeit (43 Prozent). Das zeigt: Lediglich in 15 Prozent der Fälle erfolgen Neueinstellungen in unbefristete reguläre Stellen. Die Ergebnisse der Folgeumfrage vom Februar dieses Jahres bestätigten dann die Befürchtungen der IG Metall, dass sich die Arbeitgeber mit Leiharbeit und Befristung einrichten.
Rockmusiker nicht glücklich über neuen Namensvetter
Kritik am neu gegründeten Arbeitgeberverband BAP kommt aber auch von unerwarteter Seite: Die Kölner Rockband BAP ist gar nicht glücklich darüber, dass ihr Name künftig auch als Abkürzung für einen Leiharbeits-Arbeitgeberverband herhalten soll. "Wir prüfen jetzt, ob wir dagegen vorgehen können", zitiert der "Kölner Express" Didi Hentschel vom BAP-Management. Man wolle den schlechten Ruf, den Teile der Leiharbeitsbranche haben, nicht in einen Zusammenhang mit der Band gebracht sehen, so Hentschel gegenüber dem Express weiter.
Kampagnen*
Für ein
gutes Leben
Der Bundesverband der Personaldienstleister - kurz BAP - hat sich im April dieses Jahres neu gegründet als Zusammenschluss der beiden Zeitarbeitsverbände AMP und BZA. AMP stand für Arbeitgeberverband Mittelständischer Personaldienstleister und BZA stand für Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen.
Der BAP ist damit neben der IGZ einer der zwei großen Arbeitgeberverbände in der Leiharbeit. Er ist durch die Fusion mit der AMP auch Tarifpartner der sogenannten christlichen Gewerkschaften. Viele Leiharbeits-Kollegen im Organisationsbereich der IG Metall werden nach diesen "christlichen" Tarifen bezahlt, die immer noch weitaus schlechtere Bedingungen bieten als die Tarife, die die DGB-Gewerkschaften aushandeln.
