Hintergrund: Einfluss wirtschaftlicher Interessengruppen in der Bildung
Die Wirtschaftslobby drängt in die Schulen
"Schülerinnen und Schüler müssen in der Schule Grundkenntnisse wirtschaftlichen Handelns lernen." Wer will dieser Aussage widersprechen? Wirtschaftliche und arbeitsweltliche Zusammenhänge gehören zum Unterricht. Die Schülerinnen und Schüler müssen auf Ausbildung, Beruf und Arbeitswelt gut vorbereitet werden. Wirtschaftsverbände und Unternehmen bieten dazu eine große Masse an kostenlosem Lehrmaterial an, schicken Vertreter für Unterrichtseinheiten in die Schulen - und sie bilden Lehrer fort. Sie wollen ein eigenständiges Fach "Wirtschaft" - was ihnen in einigen Bundesländern bereits gelungen ist.
Marktradikale Inhalte
Doch Inhalte und Methoden der ökonomischen Bildung nach Wirtschaftslobby-Vorgaben verbreiten einseitig neoliberale und marktradikale Ansichten. Sozialstaat und Mitbestimmung werden als Übel dargestellt, das zu "reformieren", das heißt zurechtzustutzen ist. Freies Unternehmertum soll die Leitlinie auch für spätere Arbeitnehmer sein.
"Der Sozialstaatsgedanke ist in den letzten Jahrzehnten vielfach überstrapaziert worden [...] und der Umbau der Sozialsysteme deshalb dringend notwendig", heißt es etwa in der Unterrichtseinheit "Sozial gerechte Marktwirtschaft" der arbeitgeberfinanzierten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft". Weiter wird dort betont, "dass der Leistungsgedanke in der Gesellschaft wieder eine viel größere Rolle spielen muss." Und in der Unterrichtseinheit "Mitbestimmung in Deutschland" des Instituts der deutschen Wirtschaft und der Bundesarbeitsgemeinschaft Wirtschaft und Schule heißt es beispielsweise: "Bei der so genannten Unternehmensmitbestimmung in Deutschland gibt es erheblichen Reformbedarf." Der wirtschaftliche Erfolg müsse vor dem Hintergrund des internationalen Standortwettbewerbs in den Vordergrund rücken.
Daneben gibt es auch einfach Unterrichtsmaterial, das mit Werbung für Unternehmen vermischt ist, insbesondere aus der Finanzbranche. Die Allianz beispielsweise lehrt spielerisch den Umgang mit Versicherungen über ein Planspiel bei, natürlich mit Allianz-Produkten.
Wirtschaft lehrt Schüler und Lehrer
Doch die Allianz etwa kommt auch direkt in die Schule. Dort machen Allianz-"Experten" Unterricht. Dazu hat die Allianz gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey die Initiative "My Finance Coach" gegründet. Und nicht nur die Schüler sind das Ziel. "My Finance Coach" bildet auch Lehrer fort - mittlerweile ganz offiziel an der staatlichen Akademie im bayerischen Dillingen. Mit mehreren weiteren Bundesländern laufen Verhandlungen über Kooperationen.
Die Allianz ist da keineswegs alleine: Es gibt mittlerweile zahlreiche Kooperationen, etwa über die "Bundesarbeitsgemeinschaft Schule/Wirtschaft". In Hessen etwa ist die Lehrerfortbildung ohnehin schon dereguliert und offen für die zumeist attraktiven Angebote der Wirtschaftslobby.
Die Lobby wirft ihre Netze aus
Die Wirtschaftslobby hat ihre Fäden tief in die Schulpolitik geworfen und findet Unterstützung in der Politik. Reinhold Hedtke, Sozialwissenschaftler an der Uni Bielefeld, der mit anderen Wissenschaftlern die "Initiative für eine bessere ökonomische Bildung" (IBÖB) gegründet hat, kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirtschaftslobbyisten "zusammen mit einigen Wirtschaftsdidaktikern ein bestens finanziertes politisch-pädagogisches Netzwerk bilden. Seine Akteure und Aktivitäten finden parteipolitische Unterstützung vor allem bei CDU und FDP."
Die Leitlinien des künftigen Wirtschaftsunterrichts hat der Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft, in dem alle wichtigen Wirtschaftsverbände vertreten sind, bereits vor einem halben Jahr vorgelegt. Es geht darum, Schüler zu "Wirtschaftsbürgern" zu erziehen.
Die Gewerkschaften und die IBÖB-Wissenschaftler befürchten, dass sich ein einseitiger Wirtschaftslobby-Unterricht durchsetzen wird, der Politik und Soziales zunehmend aus den Lehrplänen verdrängt. In einigen Bundesländern, in Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Hessen und Westfalen passiert das bereits.
Erste Wirkungen bei den Schülern
Noch sind erfahrene Lehrer kritisch genug. Vieles von dem Material, das die Wirtschaftslobby schickt, landet in der Tonne, sagt Reinhold Hedtke. Wirklich ungefiltert kommen die Materialien nur bei unerfahrenen Lehrern durch, die dankbar auf die fertigen und meist professionell und attraktiv gestalteten Inhalte zurückgreifen.
"Doch wenn es eigenständiges Fach Wirtschaft gibt, dann werden Lehrer auch an vom neoliberalen Mainstream geprägten Wirtschaftswissenschafts-Fakultäten ausgebildet", meint Hedtke. "Das hat zur Folge, dass nur der ökonomische Mainstream dann an die Schüler weitertransportiert wird."
Zudem hat die Wirtschaft im Internet bereits die Oberhand. Schüler, die nach "Wirtschaft", "Schule" und Unterrichtsmaterial googeln, finden ganz oben die Angebote der Wirtschaftslobby: wirtschaftundschule.de (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft), schule-wirtschaft.de (Bundesarbeitsgemeinschaft Schule/Wirtschaft), schule-trifft-wirtschaft.de oder andere, etwa vom "Institut für ökonomische Bildung".
"In den Schulen ist die Wirtschaft viel weiter und tiefer drin als wir. Die Gewerkschaften haben einfach bei weitem nicht die Ressourcen", meint Martina Schmerr vom Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Und wir haben bereits Studien, die einen ersten Wandel bei den Schülern feststellen: Jugendliche halten es heute für selbstverständlich, ihre eigenen Interessen unter die von Unternehmen zu stellen."
Deregulierter Neoliberalismus als Leitbild
Das Bildungs-Leitbild der Wirtschaftslobby ist der deregulierte Neoliberalismus. Volkswirtschaftliche, soziale und ökologische Dimensionen wirtschaftlichen Handelns kommen zu kurz.Das "Primat des Politischen" verdreht sich zum "Primat der Ökonomie". Aus dem "Homo politicus" wird ein "Homo oeconomicus".
Die Gewerkschaften und die IBÖB wollen hingegen eine interdisziplinäre und praxisorientierte "sozioökonomische Bildung". Diese behandelt die ökonomischen, sozialen, ethischen, ökologischen und technischen Zusammenhänge von Arbeit und Wirtschaft und bereitet Schülerinnen und Schüler auf eine selbstbewusste und mitgestaltende Rolle in Berufsausbildung und Arbeitswelt vor.
- IG Metall-Broschüre "Wirtschaft in der Schule" PDF (616 KB)
- Studie zur Netzwerkverflechtung der Wirtschaftlobby in der Schule. Von Reinhold Hedtke, Initiative für eine bessere ökonomische Bildung
- Webseite der Initiative für eine bessere ökonomische Bildung (IBÖB): www.iboeb.org
- "Pflichtfach Neoliberalismus"; in: Soli aktuell 1-2/2011, DGB Jugend. S.9
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