Interview mit Prof. Gustav Horn zum Thema Rente mit 69
"Für viele wäre das doch einfach eine Rentenkürzung"
Herr Horn, die Rechnung der Wirtschaftsweisen ist einfach und nachvollziehbar: Länger leben, länger arbeiten. Und auf lange Sicht arbeiten bis 69. Was ist dagegen einzuwenden?
Prof. Dr. Gustav Horn: Dagegen ist einzuwenden, dass jedes pauschale Alter, ab dem in Rente gegangen werden muss, dem Alterungsprozess nicht gerecht wird. Es gibt Menschen, die sicherlich bis 69 arbeiten können oder auch bis 70. Es gibt aber eben auch viele Menschen in anderen Berufen, wo das einfach schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Dieser Differenziertheit des Alterungsprozesses - auch einer berufsbedingten Differenziertheit - wird eine pauschal gezogene Grenze bei 69 Jahren nicht gerecht. Für diejenigen, die früher aufhören müssen, ist das ja dann einfach nur eine Rentenkürzung. Deshalb müsste man sich Gedanken machen, wie der Zugang zur Rente flexibel gestaltet werden könnte und da habe ich bei dem Vorschlag der Sachverständigen nicht viel gesehen.
Welche Vorschläge gäbe es, wie der Zugang zur Rente flexibel gestaltet werden kann?
Man müsste auch denjenigen, die mit 62 in Rente gehen müssen, sei es aus körperlichen Gründen oder aus psychischen Gründen, eine auskömmliche Rente sichern. Das heißt, man müsste eine Umverteilung des Rentensystems erreichen. Diejenigen, die mit 69 in Rente gehen, sollten dann sicherlich etwas mehr Rente bekommen aber nicht so viel mehr, wie sie länger arbeiten. Die, die länger arbeiten können, müssten den anderen, die schon früher in Rente gehen müssen, auch etwas zuteil kommen lassen.
Wie, wenn nicht durch Anhebung des Rentenalters, können die Sozialversicherungssysteme die höhere Lebenserwartung auf Dauer stemmen?
Zunächst muss man ja ganz generell sagen, es ist schon eine kühne Vorhersage, bis zum Jahr 2060 die ökonomische Entwicklung grob abschätzen zu wollen. Insofern wäre es auch falsch, jetzt schon Pflöcke einzuschlagen, die vielleicht auf völlig falschem Grund stehen.
Ich denke, man hat mehrere Stellschrauben, nicht nur das Renteneintrittsalter. Man hat auch die Stellschraube Beiträge. Der Sachverständigenrat berechnet ja auch, welche Beitragsanhebungen nötig wären um das zu finanzieren - und sie sind alles andere als gewaltig. Da hat man zumindest einen gewissen Spielraum nach oben, sodass auch die Gemeinschaft insgesamt diese höheren Kosten tragen könnte. Man hat vor allen Dingen aber die Größe Produktivitätsentwicklung. Dahinter steckt eigentlich eine Aufforderung, möglichst viel zu investieren, um die Produktivitätsentwicklung zu beschleunigen, aus der man dann ja auch eine höhere Rente bezahlen kann.
Von allen Ruheständlern 2009 ist ein Drittel gesundheitsbedingt vorzeitig ausgeschieden. Ist nicht zu erwarten, dass bessere Arbeitsbedingungen die Menschen auch länger gesund halten und dadurch ein späterer gesetzlicher Renteneintritt möglich wird?
Das ist gut möglich. Allerdings warnen Experten für Arbeitsschutz beispielsweise vor zunehmenden psychischen Belastungen in vielen Berufen. Es gibt also längst nicht nur Verbesserungen. Grundsätzlich würde ich sagen: Wenn die Menschen länger arbeiten wollen, soll ihnen auch die Möglichkeit gegeben werden. Dafür bin ich auch. Aber gesündere Menschen sind zum Beispiel auch produktiver. Also es fällt auch ein höherer wirtschaftlicher Ertrag an, aus dem man dann auch eine höhere Rente finanzieren kann. Das sollte man dabei auch nicht vergessen.
