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Rukiye Belik. Foto: Jürgen Seidel

Junge Generation

Zwischen Aufbruch und Angst vor dem Absturz

Wer seine Zukunft planen, eine Familie gründen oder sich einen Traum erfüllen will, braucht einen festen Platz im Arbeitsleben. Damit junge Menschen diese Sicherheit wiederbekommen, startet die IG Metall die Kampagne "Arbeit - sicher und fair. Zukunft und Perspektiven für die junge Generation". Dabei geht es um Arbeit, die herausfordert und nicht krank macht. Um Arbeit, die Zeit für Familie lässt und Perspektiven gibt.
Fast jeder kennt sie, die Geschichte von dem alten Hasen, der seit 40 Jahren an der Werkbank steht und schon manchen Chef hat kommen und gehen sehen. Lebensläufe, die ganz eng mit einem Betrieb verwoben sind. RukiyeBelik kennt sie von ihren Eltern. Als die Beliks in den 60er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland kamen, fingen sie bei Ford in Köln an. "Meine Eltern haben immer hier gearbeitet", erzählt die 24-Jährige. "Das ist schön, wenn man sich auf den Arbeitgeber so verlassen kann."

Eine Sicherheit, die junge Menschen heute im Beruf oft vergeblich suchen. Praktikum, Befristung, Leiharbeit steht auf den Steinen, die ihnen den Weg in eine sichere Zukunft verbauen. Wer nach der Ausbildung einen Jahresvertrag bekommt, fühlt sich wie Hans im Glück. Uni-Absolventen leben nach dem Prinzip: Man lernt nie aus. Sie absolvieren mit Engelsgeduld ein Praktikum nach dem anderen, werden von den Eltern unterstützt, jobben nebenbei. Studien widmen sich der jungen Generation und stellen fest: Sie wissen, dass sie mehr lernen müssen als ihre Eltern, aber sie fürchten, dass es sich beruflich nicht auszahlen wird.

Rukiye Belik. Foto: Jürgen SeidelDie Welt dreht sich schneller
Sicherheit und Verlässlichkeit verband Rukiye Belik (Bild rechts) seit Kindertagen mit dem Namen Ford. Auch ihr Weg führte sie nach der Schule zu dem Autobauer. Das Geld stimmt, ihre Arbeit als Industriekauffrau macht ihr Spaß und fordert sie heraus. Klar, sie bleibt auch mal länger. Aber arbeiten ohne Ende, das kennt sie nur von anderen. Manche frisst die Arbeit auf. Sie haben keine Zeit, ihre Rückenprobleme zu kurieren. Andere brennen im Beruf völlig aus.

"Privatleben nur am Wochenende? Das wär nichts für mich." Sie hat es gut getroffen, findet Rukiye. Aber sie weiß auch, dass es nicht so bleiben muss. Die Zeiten haben sich geändert, seit ihr Vater hier anfing. Die Welt dreht sich heute schneller. "Zurzeit arbeite ich in der Entwicklung. Vielleicht wird das irgendwann nicht mehr in Köln gemacht. Wer weiß das schon?" Vor ein paar Jahren verlagerte Ford einen Servicebereich nach Indien. Sorgen macht Rukiye sich nicht. Sie ist jung, sie ist flexibel. Irgendwas geht immer.

Nur was, wenn sie eines Tages Familie hat? "Dann brauche ich Sicherheit, und bin nicht mehr flexibel." Kinder wünscht sie sich auf jeden Fall. Kopfzerbrechen bereitet ihr allerdings, ob sie Familie und Beruf vereinbaren kann. Familie gehört für viele in Rukiyes Alter zu einem glücklichen Leben. Unter den Jüngeren steigt die Zahl derer, die sich Kinder wünschen. Vereinbarkeit ist nicht mehr nur ein Frauenthema. Dreiviertel aller berufstätigen Männer wünschen sich mehr Zeit für die Familie. Fast genauso viele Betriebe nehmen darauf aber keine Rücksicht.

Andreas Köppe und Sohn Josch. Foto: Mark Mühlhaus/attenzioneDoch viele Väter nehmen sich heute ihr Stück vom Familienglück. Etwa "Papamonate". Einer von ihnen ist Andreas Köppe (Bild linls). Sein Sohn Josch ist zwei Jahre alt. Vor einem Jahr nahm der 32-Jährige zwei Monate Auszeit. Ein bisschen mulmig war ihm schon, als er es am Arbeitsplatz verkündete. Der gelernte Industriekaufmann und Sozialwissenschaftler arbeitet als Referent des Betriebsrats bei der Salzgitter AG. Er war sich nicht sicher, wie ein Vater in Elternzeit in so einer "Männerbude" ankommt. Seine Befürchtungen bestätigten sich nicht. "Das war für die Kollegen gar kein Problem."

Die Familie gibt Halt
Junge Väter wollen sich nicht mit der Ernährerrolle begnügen. Andreas weiß: "Die Zeit, die ich jetzt mit Josch verpasse, kann ich nie wieder nachholen." Seine Arbeit macht ihm Spaß, aber er will auch Familie. "Sie ist mein Halt. Sie fängt mich auf." Zum Glück werden die Arbeitszeiten bei der Salzgitter AG gut eingehalten. Andreas ist mehr als ein Wochenendpapi. Und dennoch: "Manchmal sind mir die drei Stunden am Abend zu wenig." Er würde Josch gerne vom Kindergarten abholen oder zu Hause bleiben, wenn der Kleine krank ist. Das macht seine Frau, die halbtags arbeitet. Und warum arbeitet Andreas nicht halbtags? DerVater lacht: "Es ist der Klassiker. Ich verdiene mehr." Mal zu Hause arbeiten, sich die Zeit für Arbeit und Familie frei einteilen, das wünscht sich Andreas. Als Vater schätzt er aber auch die Sicherheit. "Meine Familie verlässt sich auf mich, da ist es gut, dass ich mich auf meinen Arbeitgeber verlassen kann." Nur manchmal stellt er sich diese Was-wäre-wenn-Fragen. Was wäre, wenn er sich etwas Neues suchen müsste? "Ich bin nicht mehr so flexibel. Bekomme ich dann noch mal so einen guten und sicheren Job?"

Sicherheit gehört nur noch selten zum Angebot vieler Arbeitgeber. Seit der Krise kommen Neue vor allem als Leiharbeitnehmer oder Befristete in den Betrieb. Wie es sich anfühlt, wenn man beruflich aus dem Tritt kommt, erlebt Stefan Voss zurzeit. Dabei liegt sein sicheres Leben noch gar nicht lange zurück. In den 90er-Jahren lernte Stefan Industriemechaniker in einem Betrieb nahe Flensburg. Nach der Ausbildung wurde er übernommen. Fast alle waren in der IG Metall, der Arbeitgeber zahlte Tarif. "Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mal Leiharbeitnehmer werde, ich hätte es nicht geglaubt."

Doch dann wurde der Betrieb verkauft. Die Investoren ließen das Unternehmen ausbluten. Ende 2009 bekam Stefan seine Kündigung. Lange hat er sich gegen Leiharbeit gewehrt und schrieb eine Bewerbung nach der anderen. Vergeblich. Die Angebote rund um Flensburg sind dünn gesät. Als Hartz IV immer näherrückte, gab er seinen Widerstand auf, bewarb sich bei einem Verleiher und fing dort an. Die Angst vor dem völligen Absturz macht Menschen klein.

Stefan heißt eigentlich nicht Stefan. Doch seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen: "Ich bin Leiharbeiter. Mein Job ist es, Angst zu haben." Jeden Tag rechnet er damit, dass er am nächsten nicht mehr zur Arbeit kommen braucht. "Nein", ist eine Antwort, die er sich zweimal überlegt. Etwa wenn der Chef fragt, ob er Samstag arbeitet. Für seine Arbeit ist er überqualifiziert, und auf Weiterbildung hofft er gar nicht. "Wer investiert schon in einen, der ganz oben auf der Abschussliste steht?" Unsicherheit macht Angst, und Angst lähmt. Stefan schmiedet keine Pläne. "Ich denke an morgen, vielleicht noch an übermorgen. Nächste Woche gibt es gar nicht." Eins tröstet den 32-Jährigen: Er ist froh, dass er keine Kinder hat.

Anna-Katharina Zobel. Foto: Cordula KropkeSicherheit beruhigt
Berufsstarter möchten nicht nur Luftschlösser bauen, sondern sie auch wahr werden lassen. Doch ohne sicheren Job wagt niemand große Sprünge. Damit hielt sich auch Anna-Katharina Zobel (Bild rechts) bis vor kurzem zurück. Die 27-Jährige studierte Maschinenbau in einem dualen Studiengang. Während des Semesters büffelte sie Theorie an der Fachhochschule. In den Semesterferien und an freien Tagen arbeitete sie bei der Werft HDW in Kiel.

Das Pensum war beachtlich. Während ihre Kommilitonen die Ferien zum Lernen nutzten, arbeitete Anna im Betrieb. Dennoch bereut sie nichts. "Ich würde es jederzeit wieder machen. Wenn ich in der Theorie etwas nicht verstanden hatte, konnte ich es mir in der Fertigung ansehen." Nach dem Studium bekam sie einen Jahresvertrag bei HDW. Anna hatte Glück.

Der Betriebsrat hatte ausgehandelt, dass Dual-Studierende bis 2012 für mindestens zwölf Monate übernommen werden. "Wir kämpfen für jeden, der bei uns auslernt", sagt Achim Hass, Betriebsrat bei HDW. "Sie sollen alle übernommen werden. Am liebsten unbefristet." Der Jahresvertrag war gut, aber so ein Jahr geht schnell vorbei. Anna hielt erst einmal ihr Geld zusammen und blieb in ihrer kleinen Wohnung. "Ich wusste ja nicht, ob ich demnächst noch einen Job habe." Gedanken, wie es weitergeht, wenn sie in eine andere Stadt ziehen muss, schwirrten ihr durch den Kopf.

Alles Schnee von gestern. Vor ein paar Wochen bekam sie die Zusage für eine unbefristete Stelle. "Da fielen diese Gedanken alle von mir ab." In ihrer kleinen Studentenbude studiert sie jetzt Wohnungsanzeigen. Sie sucht eine größere Bleibe. Im Dezember will sie ihre Schwester in Amerika besuchen und Sylvester in New York feiern. Anna ist zuversichtlich, wenn sie nach vorne schaut. Bei HDW kann sie bleiben. Wer weiß, vielleicht werden es ja sogar 40 Jahre.

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