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Interview mit Helga Schwitzer: Leiharbeit begrenzen und besser bezahlen

Interview mit Helga Schwitzer: Leiharbeit begrenzen und besser bezahlen

Die Leiharbeit ist für Auftragsspitzen da

21.02.2012 Ι Das normale unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis muss wieder die Regel werden, erklärt Helga Schwitzer, geschäftsführendes IG Metall-Vorstandsmitglied. Sie führt für die IG Metall am 22. Februar in Düsseldorf die Verhandlungen mit den Zeitarbeitsverbänden. Um was es dabei genau geht und was die IG Metall erreichen will - darüber sprachen wir mit der Tarifexpertin.

Ein Leiharbeiter in einem Metallbetrieb erhält für die gleiche Arbeit erheblich weniger als sein fest angestellter Kollege. Dieses Lohngefälle will die IG Metall jetzt angehen. Deshalb verhandelt sie parallel zur Metall-Tarifrunde mit den Verbänden der Verleihbranche über ein Plus für Leihbeschäftigte. Können die Betroffenen endlich auf gleiches Geld für gleiche Arbeit hoffen?
Helga Schwitzer: Gleiches Geld für gleiche Arbeit im ersten Schritt - das wäre zu wünschen. Dafür werden wir uns auch einsetzen, wenn wir jetzt mit den Leiharbeitsverbänden BAP und IGZ verhandeln. Mit ihnen wollen wir einen Branchenzuschlag für Leihbeschäftigte vereinbaren, die in Metall- und Elektrobetrieben eingesetzt sind. Mit einem solchen Zuschlag werden wir aber noch nicht Equal Pay erreichen, weil die betrieblichen Entgeltunterschiede zu groß sind. Deshalb müssen Betriebsräte zusätzlich die Möglichkeit erhalten, die verbleibende Differenz zu den Entgelten der Stammbeschäftigten zu schließen. Das soll eine Einsatzzulage leisten. Welches Ergebnis wir am Ende erreichen, wird auch davon abhängen, welchen Druck wir in gemeinsamen Aktionen von Stamm- und Leihbeschäftigten entwickeln können.

Die Einsatzzulage gibt es dann aber nur mit starken Betriebsräten oder?
Wir fangen nicht bei Null an. Es gibt bereits über 1200 Besservereinbarungen in der Metall- und Elektroindustrie. Darauf bauen wir auf. Dort haben Betriebsräte bereits geregelt: Wenn ein Betrieb Leiharbeiter einsetzt, dann nur zu bestimmten Konditionen. Das wollen wir für die ganze Branche erreichen.

Deshalb verhandelt die IG Metall sowohl mit den Metall-Arbeitgebern als auch mit den Verleihverbänden?
Wir verhandeln zweigleisig, weil wir zwei verschiedene Inhalte regeln wollen. In den Verhandlungen mit den Verleihverbänden geht es um faire Bezahlung. Mit den Metall-Verbänden geht es darum, wie viele Leihbeschäftigte wie lange und wo im Betrieb eingesetzt werden können. Wann muss das Unternehmen sie in ein festes Arbeitsverhältnis übernehmen. Hier will die IG Metall die Rechte der Betriebsräte erweitern. In der Stahlbranche haben wir das bereits erreicht.

Immer häufiger missbrauchen Betriebe Leiharbeit, um feste und gut bezahlte Jobs zu ersetzen. Diesen Missbrauch will die IG Metall durch mehr Mitsprache der Betriebsräte stoppen. Die Arbeitgeber sperren sich aber hier. Besteht eine Chance, da weiter zu kommen?
Ja, weil wir bereit und in der Lage sind, hier Druck auszuüben. Stammbeschäftigte werden gemeinsam mit Leiharbeitnehmern in Aktion treten. Denn es geht nicht nur um Solidarität mit Leiharbeitern. Es geht auch um die ureigensten Interessen der Stammbelegschaften. Je mehr schlecht bezahlte Leiharbeit im Betrieb, desto mehr Druck können Arbeitgeber auf die Entgelte der Stammarbeitnehmer machen - nach dem Motto: Seht her, mit den Leiharbeitern geht's genauso gut und billiger.

Die Arbeitgeber meinen: Leiharbeit zu begrenzen "schränke die Flexibilität der Betriebe ein". Sie sagen, Betriebsräte sollten sich nur auf die Stammbelegschaften konzentrieren.
Über mangelnde Flexibilität können sich die Arbeitgeber nun wirklich nicht beklagen. Welche Flexibilität unsere Tarifverträge ermöglichen und wie flexibel unsere Kolleginnen und Kollegen sind - das haben sie in der Krise gezeigt: Mit Nutzung der Zeitkonten, mit flexiblen Arbeitszeitmodellen, mit Kurzarbeit. Das war geradezu beispielhaft und wird gerne als Modell Deutschland gepriesen. Natürlich möchten die Arbeitgeber, dass sich die Betriebsräte nur um die Stammbelegschaften kümmern. Dann können sie die Menschen besser gegeneinander ausspielen.

Gerade in der Krise haben sich die Arbeitgeber als erstes von Leiharbeitern getrennt. Und um diese "Flexibilität" geht es ihnen sicherlich: Sie möchten gerne Leiharbeitnehmer jederzeit heuern und feuern können.
Das normale unbefristete Vollzeitarbeitsverhältnis kennen viele überhaupt nicht mehr. Aber das muss wieder die Regel werden. Über die Hälfte der Neueinstellungen nach der Krise ist über Leiharbeit oder befristet erfolgt. Wir wollen, dass jede und jeder die Möglichkeit hat, unbefristet in Vollzeit arbeiten und damit eine Lebensperspektive entwickeln zu können.

Wenn wir möglichst nah an Equal Pay kommen und mehr Mitspracherechte für Betriebsräte erreichen, dann wird Leiharbeit zu dem, wofür sie gedacht ist: zu einem Flexibilisierungsinstrument für Auftragsspitzen. Die IG Metall sagt nicht: Leiharbeit gehört grundsätzlich verboten. Sie darf aber nicht zu Dumpinglöhnen und zur Spaltung der Belegschaften in Beschäftigte erster und zweiter Klasse führen. Und sie darf keine Stammarbeitsplätze ersetzen.

Die IG Metall sagt: Unsere Forderungen hängen untrennbar zusammen. Wie ernst ist es ihr damit?
Sehr ernst. Die IG Metall hat drei gleichgewichtige Forderungen: Bis zu 6,5 Prozent mehr Geld, faire Leiharbeit und die unbefristete Übernahme. Die lassen wir nicht gegeneinander ausspielen.

Ist das nicht auch ein Hase-Igel-Spiel? Wenn die IG Metall die Leiharbeit geregelt hat, dann setzen Betriebe verstärkt Werkverträge ein?
Die Werkverträge haben mittlerweile extrem zugenommen. Unternehmen setzen diese Beschäftigungsform, zumeist Scheinwerkverträge, immer öfter in Kernbereichen ein. Auch hier geht es um eine zweite und dritte Lohnlinie und darum, die Belegschaften zu spalten. Nach dem Sommer will die IG Metall das Thema Werkverträge mit einer Kampagne angehen.

Die IG Metall müsste den Missbrauch von Leiharbeit nicht bekämpfen, wenn die Politik diesen nicht jahrelang gefördert hätte. Was muss sich politisch ändern?
Die IG Metall kann mit Tarifverträgen das Problem nicht komplett lösen. Die Politik muss das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, das die Leiharbeit regelt, ändern. Sie muss den Grundsatz "gleiches Geld für gleiche Arbeit" ins Gesetz schreiben - ohne Wenn und Aber. Dazu gehört, das Synchronisationsverbot wieder aufzunehmen und - was ganz wichtig ist: die Begrenzung von Leiharbeit. Es gibt keine Höchstgrenzen für die Entleihdauer. Ein Betrieb darf heute einen Leiharbeiter bis zu seiner Rente einsetzen. Laut einer Betriebsratsumfrage in Metall- und Elektrobetrieben sind die meisten Leiharbeitnehmer mehr als ein Jahr und länger in Entleih-Betrieben eingesetzt. Und es gibt Betriebe, die ihre Ausgebildeten nicht übernehmen, aber gleichzeitig Leihbeschäftigte einsetzen. Das Gesetz lässt also Missbrauch zu. Das muss geändert werden. Dafür machen wir weiter Druck und setzen unsere Leiharbeitskampagne fort.

Tarif

Lohn, Gehalt und mehr.

Links und Zusatzinformationen
asf_box_kampagne_leiharbeit
Hotline für Mitglieder

Für alle Fragen rund um die Leiharbeit hat die IG Metall für Leiharbeitnehmer, die Mitglied sind, eine Hotline eingerichtet. Unter 0800 - 4463488 können sie sich kostenfrei beraten lassen.

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