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Interview mit Bernd Gäbler, dem Autor der neuen OBS-Studie. Foto: IG Metall

Interview mit Bernd Gäbler, dem Autor der neuen OBS-Studie

Was Bohlen, Klum und Katzenberger so erfolgreich macht

26.10.2012 Ι Sie sind nicht einfach nur Stars irgendeiner Fernsehsendung. Gerade Jugendliche sehen die Shows von Bohlen, Klum und Katzenberger und lassen sich beeinflussen. Weshalb das so ist und was die Stars dieser Sendungen so erfolgreich macht, das erläutert Professor Bernd Gäbler, Autor der Otto-Brenner-Studie "Hohle Idole".

Bohlen, Klum und Katzenberger - warum haben Sie sich gerade mit diesen drei TV-Figuren beschäftigt?
Prof. Bernd Gäbler: Weil sie Ikonen einer Ökonomie der Aufmerksamkeit sind. Wie die Eisbergspitzen verweisen sie auf generelle Tendenzen des Unterhaltungsfernsehens. Bohlens "Deutschland sucht den Superstar" ist der Prototyp einer Castingshow. Angeblich geht es um Musik, also um alles, was Jugendliche schwer in Sprache fassen können. Tatsächlich aber darum, irgendwie berühmt zu werden. Heidi Klum bespielt das Thema Schönheit. Angeblich geht es um die Entwicklung der Persönlichkeit, tatsächlich findet eine unglaubliche Reduktion auf den Körper statt. Und Katzenberger symbolisiert das neue Prinzip: Promi kann jeder werden. Dazu muss man nichts können. Es reicht die mediale Wiedergabe des banalen Alltags. Das ist die endgültige Entkoppelung von Ruhm und Leistung.

"Hohle Idole" - der Titel lässt schon vermuten: Besonders erfreut waren Sie nicht von dem, was sie da gesehen haben. Steckt also nicht viel hinter diesen Idolen? Was haben Sie denn herausgefunden?
Doch, dahinter steckt natürlich eine recht clevere Industrie, die permanent das optimiert, was "funktioniert". "Hohle Idole" - dieser Titel verweist auf die Inhalte, die Bohlen, Klum und Katzenberger vermitteln. Es geht um das Design, um die Selbstvermarktung und in fast erstaunlichem Ausmaß um Konformität. Damit zielen sie mitten hinein in eine Phase der Unsicherheit bei den meist jugendlichen Zuschauern. Was zählt für die Zukunft? Welche Qualifikationen sind sinnvoll? Was muss man wissen? Ist es nicht viel wichtiger, gut und sicher auftreten zu können? Hier lautet das curriculum: Wer sich den Autoritäten Bohlen und Klum nicht unterwirft, hat keine Chancen. Spannend ist es, genau zu analysieren, wie das jeweils erfolgreich inszeniert wird. So wird Bohlen beispielsweise von vielen Jungs als ehrlich wahrgenommen, nur weil er ausspricht, was zuvor längst als Wahrheit inszeniert wurde. 

Welchen Einfluss haben denn Bohlen, Klum und Katzenberger auf junge Zuschauer und Zuschauerinnen?
Klum ist das unerreichbare Vorbild. Mädchen glauben, "Germany's Next Topmodel" zeige tatsächlich den Ausbildungsgang für den "Model"-Beruf. Bohlen dagegen polarisiert. Viele finden, dass dessen Sprüche zu "krass" sind. Jungs halten ihn aber auch für ehrlich, imaginieren ihn als "para-sozialen" Vater oder glauben, von ihm könne man lernen, was in einer Freundschaft wichtig ist. Katzenberger wird für ihre Selbstbehauptung in einer komplizierten Medienwelt bewundert. 

Kann es denn nicht hilfreich sein, dass junge Zuschauer früh lernen, was harter Wettbewerb im Berufsleben ist?
Diese Sendungen spielen zwar damit, sind tatsächlich aber kein Ausdruck der Leistungsgesellschaft. Denn die Kriterien, die zu erfüllen sind, sind meist völlig willkürlich gesetzt. Es geht nicht zentral um hart erarbeitetes Wissen oder Können, sondern darum, die anderen auszustechen. Substanzielle Fähigkeiten, Teamgeist, Kooperationsbereitschaft spielen eine geringe Rolle. Selbstdarstellung, Gehorsam, ja Unterwerfung werden gefeiert, Eigensinn wird bestraft. Das ist das eigentlich gefährliche in einer Zeit, in der offizielle Zertifikate weniger zählen als früher, der Traumjob und prekäre Arbeit oft dicht bei einander liegen, vielen jungen Leuten unklar ist, wofür Anstrengung lohnt. 

Was sagt das über den Zustand der Gesellschaft aus?
Wir sind leben in Umbruchszeiten. Die Berufsbiografien verändern sich dramatisch. Arbeitszeit und Freizeit durchdringen sich. Die Produktion scheint nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen gegenüber Fragen des Designs, der Vermittlung, des Marketings, der Kommunikation. Was ist in dieser Zeit substanzielles Können? Das ist vielen unklar. Da kann man von Bohlen und Klum viel lernen. In diese Lücke spielt nämlich das Unterhaltungsfernsehen als eine große Schule der sozialen Intelligenz hinein: das reicht vom Bewerbungsgespräch, auf das man sich vorbereitet als sei es eine Castingshow bis zum politischen Personal. Ob KT zu Guttenberg oder Bettina Wulff - orientiert haben sie sich doch an den Promi-Erzählungen des Unterhaltungsfernsehens.

Aber ist es nicht einfach nur Fernsehen? Nehmen die Jugendlichen denn alles so furchtbar ernst?
Ja, es ist nur Fernsehen. Man kann es einfach als Show gucken oder darüber lachen. Viele Jugendliche aber identifizieren sich. Aber ausgeliefert ist natürlich niemand. Rezipieren heißt nicht, das man sich etwas eintrichtern lässt. Man kann sich auseinandersetzen, reiben, Kritik entwickeln. Das tun auch viele junge Zuschauer. Ironie ist da oft eine Waffe. Tatsächlich kann eine schöne Klum- oder Katzenberger-Parodie sehr aufklärend sein. Viele glauben, sie seien kritisch, sind aber nicht in der Lage Distanz aufzubauen. Für sie gehört das "Ablästern" über einzelne Kandidaten zwar zum TV-Erlebnis dazu, sie bleiben dabei aber meist fixiert auf die vorgegebenen Rollen-Stereotype. Darum braucht gutes Fernsehen nicht nur Parodie und Ironie, sondern vor allem Alternativen. 

Und diese speziellen Shows? Wollen Sie die etwa abschaffen?
Um Gottes willen! Aber ich will eine Debatte darüber, über die Richtung, in die sich diese Art der TV-Unterhaltung entwickelt. Und ich möchte auch, dass jemand die Bertelsmänner dieser Welt - wenn große Reden gehalten werden über Werte und gesellschaftliche Verantwortung - daran erinnert, womit sie tatsächlich ihr Geld verdienen.

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Zur Person

Prof. Bernd Gäbler (geb. 1953), ehemals Geschäftsführer des Grimme Instituts, unterrichtet Medienkommunikation und Journalistik an der FHM Bielefeld.



Außerdem ist Gäbler Autor des Arbeitsheftes 68 der Otto Brenner Stifung: "... und unseren täglichen Talk gib un heute!"

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